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Zur Akzeptanz zeitgemäßer Artenschutzmaßnahmen in Deutschland

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Aktualisiert: vor 2 Stunden

Auf den Baustellen hierzulande ist die Person, die für die Überwachung der Einhaltung sämtlicher dem Bundesnaturschutzgesetz betreffender Verbote zuständig ist, im Arbeitsalltag erschreckend häufig mit einer grundsätzlichen Verständnislosigkeit seitens des Baustellenpersonals und der Bevölkerung konfrontiert. Nicht selten wird das Bemühen, Tiere vor einer Baumaßnahme zu schützen, überhaupt in Frage gestellt. Folgende Aussagen sind dabei meiner Erfahrung nach charakteristisch:

  

1. „Ist das noch verhältnismäßig?!“ 


Das „noch“ in der Empörung ist bezeichnend. Es suggeriert, dass bei angeblich ohnehin schon übermäßigem Artenschutz das Maß nunmehr voll ist. Verständnis für solche Maßnahmen sinke mithin bis zur stillen Inakzeptanz. Ganz offensichtlich herrscht hier eine Wissensdifferenz vor, denn schon seit Jahrzehnten sind gesetzlich von der EU und vom Bund Artenschutzbelange vorgegeben (1). Das Problem dürfte demnach in dem Gefühl liegen, die EU habe diese Gesetze von oben herab beschlossen und in dem Umstand, dass eine diesen Gesetzen entsprechende Umweltbildung nur ganz unzureichend stattfindet bzw. stattgefunden hat. 

 

Spätestens mit der Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes im Jahr 2009, welche die Zugriffs-, Besitz- und Vermarktungsverbote im § 44 festlegte und die EU-Habitat-Richtlinie in deutsches Recht umsetzte, hätte eine umfassende Umweltbildung folgen müssen, die darauf abzielt, dessen Grundsätze vor dessen Inkrafttreten anhand praktischer Beispiele vorzustellen und in der Bevölkerung zu verankern.  


2. „Als wir auf unseren Flächen vor Jahren einmal was für den Kranichschutz getan haben, dachte ich, wir hätten unseren Beitrag zum Umwelt- und Artenschutz geleistet.“

 

Sofort kommt die Frage auf, ob Artenschutz also etwas Einmaliges sei und der Mensch ansonsten nichts mit Natur und Umwelt zu tun habe, sofern er daraus keinen direkten materiellen Nutzen erzielen kann. Dass der Mensch selbst materiellen und immateriellen Nutzen durch Natur- und Artenschutz erfährt, ist eigentlich eine seit mehr als 100 Jahren erkannte Binsenweisheit. 

 

Die Lebensgemeinschaft einer Landschaft ist möglichst unbeschadet für die Allgemeinheit und um ihrer selbst willen zu bewahren, auf das auch nachkommenden Generationen materiellen und immateriellen Nutzen aus ihr erwächst.

 

3. „Euer Krötenzaun unterbindet doch den gesamten Populationsaustausch!“

  

Wenn auch eine solche Unterstellung nur durch populationsgenetische Studien wirklich verifiziert bzw. falsifiziert werden kann, lässt sie doch erneut tief blicken. Wer in der Agrar- und Forstlandschaft etwas herumgekommen ist, weiß, dass man gegendweise einen eingewachsenen Wildschutzzaun neben einem neuen Wildschutzzaun finden kann. Überhaupt ist die gesamte Landschaft dauerhaft von naturfremden Elementen durchschnitten. Und sind sie temporär gedacht, wie besagter Wildschutzzaun, wird am Ende doch ein bleibendes Hindernis daraus.

  

Ein Amphibienschutzzaun dagegen verbleibt nur während der Baumaßnahmen. Er wird zwar schon vor Beginn der Baumaßnahme aufgebaut und etwas später nach Beendigung derselben abgebaut, aber länger als zwei Jahre verbleiben die Amphibien-/ Reptilienschutzzäune nur selten in der Landschaft. Abgesehen davon, dürften die meisten mittelgroßen bis größeren Tiere diese Zäune relativ leicht überwinden oder umgehen können.

  

4. „Die Eidechsen werden doch viel mehr Stress ausgesetzt, wenn ihr sie umsiedelt! Ist das Naturschutz?!“ 


Eidechse-Artenschutz-Artenreich-Elbtalaue

 


Mit dieser Aussage sollte sich wirklich jede Person auseinandersetzen, die mit der Umsiedlung von Tieren zu tun hat. Mir scheint das angebliche Interesse für das Schmerzempfinden der Zauneidechse in dieselbe Kategorie zu gehören, wie die aufgrund geplanter Windräder gefundene Sympathie für Greifvögel. Tiere lassen sich gut instrumentalisieren. Ein ernst zu nehmender Vorwurf bleibt es dennoch. Meines Erachtens beachten Personen, die so etwas als Argument gegen Artenschutzmaßnahmen vorschieben, eine Sache nicht: Die Baustellen, z. B. ein Gleisbereich, werden im Laufe der Baumaßnahme derartig mit Material befrachtet, dass die Gefahr einer direkten Tiertötung enorm hoch ist. Zudem wird bedauerlicherweise allzu häufig der gesamte Bereich neben den Gleisen (Freiflächen, Graben, Hang) dem Erdboden gleich gemacht. Wovon sollen sich die Tiere ernähren, wenn die hinterlassene Mondlandschaft überhaupt keinen Lebensraum für ihre Beute bietet (indirekte Tötung)? Wenn gar eine Gleiserneuerung für die kalte Jahreszeit geplant ist, müssen die Reptilien aus dem Schotter, weil sie in diesem überwintern (direkte Tötung) (2). 

 

Unterm Strich dürfte es für jedes Lebewesen von größerem Interesse sein, ein wenig Stress ausgesetzt zu sein, wenn dadurch ein Überleben wahrscheinlich gemacht wird. Außerdem dürfte eine Eidechse ohnehin durch Beutegreifer regelmäßig ein gewisses Level an Stress ausgesetzt sein und ein festes Zupacken (womöglich die größte Stresssituation für das Tier) ist nicht immer nötig (z. B. beim Kescherfang).

  

5. „Von denen [Zauneidechsen] gibt es doch viele. Wir arbeiten deutschlandweit und ich sehe die überall.“  


Abgesehen davon, dass dies ein erneutes Hineinreden in ein Arbeitsfeld ist, dessen Expertise dem Infragestellenden abgeht, hat bei einer zeitgemäßen Betrachtung dieser Einwand keine Daseinsberechtigung. Es muss egal sein, welch subjektiver Eindruck zum Vorkommen, zur Häufigkeit einer Art existiert. Jede Kreatur muss geschützt werden, da ohnehin das große Sterben lange schon am Laufen ist und bisher durch nichts aufzuhalten war. Bezeichnenderweise kam der Einwand von der Person, welche die Notwendigkeit einer Umsiedlung aus dem Baufeld überhaupt in Frage stellte. 

 

Der Roten Liste für Reptilien zufolge kann die Zauneidechse zwar als häufig bezeichnet werden. Aufgrund eines zunehmenden Landschaftswandels (Industrialisierung der Landwirtschaft, Verlust von Saum- und Übergangslebensräumen u.v.m.) wird aber ein starker Rückgang prognostiziert, weil dadurch u.a. eine Isolation von Lebensräumen erzeugt wird oder diese direkt verloren gehen (3). Wenn man an Gleisen arbeitet, wird die eigene Wahrnehmung zudem verzerrt, weil gerade dort die Zauneidechse überrepräsentiert ist.

  

6. „Vor hundert Jahren war das [Artenschutzmaßnahmen auf Baustellen] auch nicht nötig.“ 


Würden wir die Zustände vor hundert Jahren als Maßstab für mehrere oder sämtliche Maßnahmen ansetzen, unsere Lebensqualität und die unserer Tierwelt wäre sehr wahrscheinlich geringer. Vor hundert Jahren war noch u.a. Tierquälerei erlaubt, sofern es nicht das Mitgefühl eines zuschauenden Menschen verletzt hatte, hat man Tiere in versehrend fangenden Fallen (Tellereisen) gefangen, massenweise seltene Pflanzen ausgerissen oder Nester zahlreicher Vogelarten geplündert, ja selbst mit Gift Krähen wie Dachse bekämpft und überhaupt die Ausrottung einzelner Tierarten, wie z. B. der Amsel, gepredigt. Es sollte allen klargemacht werden, dass jedes Tier um seiner selbst willen zu schützen ist (4). 

 

Was bei fast allen Aussagen auffällt, ist das Gefühl des Aussagenden, er (5) habe schon alles gesehen und dürfe sich über jeden Beruf ein Urteil bilden. Wahrscheinlich würde jede Person, die handwerklich im Gleis arbeitet und die er dort antrifft, gar nicht nach dessen Tätigkeit und Qualifikation befragt. Da wird ja was geschafft, da geht es um etwas, da arbeitet ein Mensch für andere Menschen. Aber mit Schwamm und Kescher bewaffnete Menschen, deren Daseinsberechtigung muss unvermeidlich mit einem Hochmut ausdiskutiert werden, der geradezu unvorstellbar ist. Steht der Mensch nicht im Mittelpunkt der Aufgabe, ist sie belanglos. 

 

Was bei Natur-, Arten- und Klimaschutz stets hervorgehoben werden sollte, ist der unmittelbare Bezug der Maßnahme auf das persönliche Umfeld. Man wird wohl ohne Weiteres die meisten Menschen als eher egoistisch einschätzen können, in finanzieller als auch emotionaler Hinsicht. Das ist keine Verurteilung, vielleicht ist das sogar „natürlich“. Es entspricht aber einer Herangehensweise, die möglichst wenig Voraussetzungen anzulegen sucht (d. h. am wenigsten „abstrakt“ ist). Wenn nämlich der Klimaschutz nahezu ausnahmslos auf die gesamte Welt projiziert wird, so dürfte das mit einer gewissen Berechtigung für die meisten Menschen viel zu abstrakt sein, getreu dem Motto: „Was haben wir denn mit dem Sterben der Korallen zu tun?!“. Was sich jede Person besser vorstellen kann, sind Veränderungen in der unmittelbaren Umgebung, der „eigenen Umwelt“. 

 

Warum wird nicht der Fokus vermehrt auf eine Aufwertung lokaler und regionaler Natur gelegt? Würden z.B. überall Hecken gepflanzt oder vereinzelt Moore renaturiert, profitiert davon der Artenreichtum der Gegend. Die Landwirtschaft dürfte zudem durch lokale Abschwächung von Verwehung (durch Hecken) und erhöhtem Feuchtegrad der Landschaft (durch Moore) profitieren. Mit einer Nichtnutzung bzw. Unrentabilität von bestimmten Flächen muss das jedenfalls keineswegs immer einhergehen (6). Gleichzeitig wird Klimaschutz durch ein Summieren solcher Aktionen in unzähligen Regionen sicher besser erreicht werden. Ich glaube, dass über den Geldbeutel und über die unmittelbare Erlebniswelt die Menschen eher von der Notwendigkeit überzeugt werden können, für Natur, Tier und Umwelt zumindest bestimmte Maßnahmen nicht unverzüglich zu verurteilen. Damit aber wäre schon viel gewonnen. 


Tristan Kallweit für ArtenReich 


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Literatur 

(1) Zur Entwicklung der Naturschutzgesetzgebung in Deutschland, vgl. Günter W. Zwanzig (1985): 50 Jahre Reichsnaturschutzgesetz (RNG). Natur und Landschaft. Zeitschrift für Naturschutz, Landschaftspflege und Umweltschutz 60(7/8): 275-277. 

(2) Ina Blanke und Hubert Laufer (2025): Reptilien im Gleisschotter. Naturschutz und Landschaftsplanung 57(6): 28-36. 

(3) Rote-Liste-Gremium Amphibien und Reptilien (2020): Rote Liste und Gesamtartenliste der Reptilien (Reptilia) Deutschlands. Naturschutz und Biologische Vielfalt, Heft 170 (3). Bonn/Bad Godesberg: Bundesamt für Naturschutz. 

(4) Vgl. Richard Gerlach (1959): Bedrohte Tierwelt. Darmstadt: Luchterhand; Martin Gorke (1999): Artensterben. Von der ökologischen Theorie zum Eigenwert der Natur. Stuttgart: Klett-Cotta; Martin Gorke (2010): Eigenwert der Natur: Ethische Begründung und Konsequenzen. Stuttgart: Hirzel. 

(5) Es handelte sich stets um Männer. 

(6) Die Paludikultur (Nutzung nasser Moore) zeigt z. B., dass ein Anbau verschiedener Pflanzen auf nassen Böden wirtschaftlich sein kann. Vgl. Susanne Abel & Tristan Kallweit (2022): Potential Paludiculture Plants of the Holarctic. Greifswald: Greifswald Mire Centre. 

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