Artenschutz – noch ein Nischenthema
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So man dem Evolutionsbiologen Matthias Glaubrecht folgen mag, steht uns mit dem rasanten Artensterben das “Ende der Evolution” bevor. In seinem kapitalen Werk mit gleichnamigem Titel führt er ebenso detailliert wie facettenreich aus, wie die Vernichtung der Arten unser Überleben bedroht. Nicht ganz so pessimistisch geben sich Friederike Bauer und Katrin Böhning-Gaese in ihrer gemeinsamen Publikation “Vom Schwinden der Arten”. Zwar konstatieren sie, dass wir uns am “Wendepunkt der Erdgeschichte” befinden, deuten aber zugleich an, dass eine Kehrtwende unter der Voraussetzung noch möglich ist, wenn der Bedrohung für die Ökosysteme und die Menschen umgehend gegengesteuert wird.
In jüngerer Zeit tat sich zumindest etwas. Auf der 15. Weltnaturkonferenz in Montreal (COP 15) erkannte die Staatengemeinschaft im Dezember 2022 immerhin die Bedeutung der Artenvielfalt für die Ökosysteme und den Menschen an:
Die biologische Vielfalt ist von fundamentaler Bedeutung für das menschliche Wohlergehen, einen gesunden Planeten und wirtschaftlichen Wohlstand für alle Menschen, auch für ein Leben im Einklang mit der Mutter Erde. Wir sind auf sie angewiesen, wenn es um Nahrung, Medizin, Energie, saubere Luft und Wasser, Sicherheit vor Naturkatastrophen sowie Erholung und kulturelle Inspiration geht, und sie unterstützt alle Lebenssysteme auf der Erde.1
Die damals beschlossene Rahmenvereinbarung gab das Ziel vor, 30% der weltweiten Flächen bis 2050 als Schutzgebiete auszuweisen und für die Biodiversitätskrise eine Trendwende einzuleiten. So steht es jedenfalls in dem Papier, das 196 Vertragsstaaten in Montreal unterzeichnet haben.
Ambitionierter gab sich der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) zwei Jahre später, dessen Aufgabe es ist, die Politik wissenschaftlich zum Thema biologische Vielfalt und den Leistungen der Ökosysteme zu beraten. Die “Vision 2050 für Biodiversität”, die in Windhuk, Namibia, im Dezember 2024 beschlossen wurde, kehrte nicht nur die Bedeutung der Biodiversität heraus, sondern benannte auch die Gefahren, die mit dem Verlust der Arten verbunden sind:
Transformativer Wandel für eine gerechte und nachhaltige Welt ist dringlich und notwendig, um die globalen, miteinander verbundenen Krisen im Zusammenhang mit dem Verlust der Biodiversität, dem Rückgang der Natur und dem prognostizierten Zusammenbruch entscheidender Ökosysteme zu adressieren. Das Hinauszögern von Maßnahmen zur Erreichung globaler Nachhaltigkeit ist kostspielig im Vergleich zu den Vorteilen, die sich ergeben, wenn jetzt gehandelt wird.2
Weitreichende Maßnahmen, um dem Artensterben gegenzusteuern, wurden in Windhuk formuliert. So empfahl der Rat den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsträgern zur Verwirklichung der “Vision 2050”, einen tiefgreifenden globalen Transformationsprozess in eben jenen Sektoren zügig voranzutreiben, die stark zum Verlust der Biodiversität beitragen. Genannt wurden im IPBES-Assessment der Finanz- und Wirtschaftssektor, Landwirtschaft und Viehzucht, Fischerei, Forstwirtschaft, Infrastruktur, Bergbau und fossile Energie. Außerdem sollen vorherrschende gesellschaftliche Ansichten, Werte und soziale Normen aufgebrochen werden, die den Status quo zementieren.”3
Zwar mögen die wissenschaftlichen Empfehlungen der bedrohlichen Lage inzwischen Rechnung tragen, geholfen ist der Biodiversitätskrise jedoch nicht. Realisiert wurden bislang weder die Vereinbarungen der 15. Weltnaturkonferenz noch die ambitionierten Empfehlungen des Weltbiodiversitätsrats. Dass der Wissenschaftliche Beirat “Globale Umweltveränderungen” (WBGU), ein die Bundesregierung beratendes Expertenteam, bereits 2011 von der Politik eine große Transformation gefordert hatte, sei hier am Rande erwähnt. - Mahnungen und Appelle verhallen in Gremien und wissenschaftlichen Elfenbeintürmen.

In den Entscheidungen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, so konstatierten Friederike Bauer und Katrin Böhning-Gaese 2013, “ist Natur, trotz sich langsam ändernder Rhetorik und zaghaften Schritten Richtung Nachhaltigkeit, immer noch nicht ihrem tatsächlichen Wert entsprechend berücksichtigt und in den Bilanzen von Unternehmen und Nationen abgebildet.”4 Konkreter wurden die Verfasser des 2025 publizierten “Manifest(es) für eine biodiverse Gesellschaft” in ihrer Analyse. Sie verwiesen auf unsere Verfassung, die sich mit der Umsetzung nachhaltiger Politiken deshalb schwertue, “weil sie unter ökologischen Wahrnehmungsdefiziten leidet und deshalb die soziale und ökonomische Interessensdurchsetzung gegenüber der Gewährleistung ökologischer Belange strukturell privilegiert.”5
Die Politik nimmt die Gefahren, die von abnehmenden und aussterbenden Arten ausgehen, zu wenig ernst. Indem etwa Massentierhaltung, Pestizide oder Überdüngung nicht nur erlaubt, sondern oftmals subventioniert werden, treibt sie den Arten- und Ökosystemverlust sogar voran. Die Prioritäten werden einseitig gesetzt. So räumte Bundeskanzler Friedrich März auf dem Parteitag der CSU am 13. Dezember 2025 unverblümt der Konjunktur Priorität vor dem Umweltschutz ein. Zu lange schon hätte die Umweltpolitik die Konjunktur gebremst und damit letztlich auch die Demokratie geschädigt.
Artenschwund und -verlust, die bedrohliche Krise der Biodiversität sind Nischenthemen, die einen engen Kreis von Wissenschaftlern, ambitionierten Natur- und Umweltschützern umtreiben, nicht aber die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheider und schon gar nicht die breite Masse. Zwar lassen Berichte über das Insektensterben oder den Verlust der tropischen Regenwälder uns bisweilen kurz innehalten, wir sehen aber nicht genauer hin, stecken den Kopf in den Sand.
Wie aber kann es sein, dass uns ein Bewusstsein für den Ernst der Lage fehlt, uns das Sterben der Natur so kalt lässt?
Was wir nicht kennen, vermissen wir nicht! Längst sind noch nicht alle Arten bekannt, geschweige denn taxonomisch erfasst. Allein deshalb können wir uns keine Vorstellung davon machen, was bereits in der Tier- und Pflanzenwelt verlorengegangen ist
Wir bemerken gar nicht, dass Arten aussterben – zu Recht trägt Matthias Glaubrecht Publikation aus dem Jahr 2025 den Titel “Das stille Sterben der Natur”
Wir fokussieren den Klimawandel und unterschätzen darüber das wahre Ausmaß und die bedrohlichen Folgen einer sich immer weiter umgreifenden Defaunation
Die Vielfalt der Arten, die Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Ökosysteme geben uns viele Rätsel auf, lösen werden wir sie in Gänze nie. Gesichert ist aber, dass die Krise der Biodiversität menschengemacht ist und dass das Artensterben in den letzten Jahrzehnten bedrohlich zunahm. Experten sind sich einig, dass eine Kehrtwende und fundamentale Transformationen unausweichlich sind, um die Bedrohungen abzuwenden.
“Wir müssen die Natur wieder zu ihrem Recht kommen lassen. Dazu werden wir, es geht nicht anders, unsere Lebensweise anpassen und unser Wirtschaften transformieren müssen. Eigentlich wissen wir das längst, nur müssen wir es nun eben auch tun und danach handeln.”6
Ist es nicht höchste Zeit, dass wir uns Matthias Glaubrechts Appell zu eigen machen? National und global, lokal und überregional, im Großen und im Kleinen! Hier setzt das ArtenReich mit Sitz in der Elbtalaue an, das sich als Impulsgeber versteht, damit biodiverser gedacht und gehandelt wird. Jede/r kann einen Beitrag leisten, Natur nicht zu zähmen, sondern wachsen zu lassen. “Eine Natur zu erschaffen, die wieder ein bisschen wilder ist”, wie es Simone Böcker in ihrer Publikation “Rewilding” formulierte. Vieles ist möglich. Auf dem Balkon, im eigenen Garten, im öffentlichen Raum...
Gesine von Prittwitz für ArtenReich
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1 Zitiert nach: Katrin Böhning-Gaese, Jans Kersten, Helmuth Trischler: Rettet die Artenvielfalt. Manifest für eine biodiverse Gesellschaft, Stuttgart 2025, S.57
2 Quellennachweis: Thematisches IPBES-Assessment zu Transformativem Wandel - IPBES (Aufgerufen am 28.10.2025)
3 Ebda.
4 Friederike Bauer, Katrin Böhning-Gaese: Vom Verschwinden der Arten. Der Kampf um die Zukunft der Menschheit, Stuttgart 2023, S. 42
5 Katrin Böhning-Gaese, Jans Kersten, Helmuth Trischler: Rettet die Artenvielfalt. Manifest für eine biodiverse Gesellschaft, Stuttgart 2025, S.98.
6 Matthias Glaubrecht. Vom stillen Sterben der Natur, München 2025, S. 173.
7 Simone Böcker: Rewilding. Auf der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur, Berlin 2023.



