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„Natur“, „Wildnis“, „Kultur“ und „Umwelt“

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Aktualisiert: vor 2 Stunden

Unter NaturschützerInnen, NaturschutzpolitikerInnen und Naturinteressierten werden häufig die Begriffe Wildnis, Natur und Kultur unhinterfragt gebraucht, obwohl anzunehmen ist, dass jede Person darunter unterschiedliche Vorstellungen hat. Es kann daher anregend sein, sich Herkunft und Bedeutung dieser drei zentralen Konzepte einmal zu vergegenwärtigen. Und dafür bietet die Umweltgeschichte eine gute Anlaufstelle. Die Umweltgeschichte setzt sich zum Ziel, die von Seiten der Menschen beabsichtigten, unbeabsichtigten und langfristigen Folgen der menschlichen Beziehungen zu der Natur zu erforschen. Indem sie die zahlreichen Facetten des wechselseitigen Zusammenhangs zwischen sozialem und ökologischem Wandel zu begreifen versucht, trägt die Umweltgeschichte zwangsläufig zum Verständnis der obigen Begriffe bei.


Denn zu unterschiedlichen Zeiten verstanden – und in den verschiedenen Kulturen verstehen noch heute – die Menschen unter Natur, Wildnis, Umwelt, Kultur durchaus verschiedene Dinge. Nach Melanie Arndt geht es der Umweltgeschichte nicht darum, „im Menschen allein den ‚Schänder‘ einer einst unberührten Natur“ zu sehen. Stattdessen ist es „das Ansinnen der umwelthistorischen Forschung, das sich wandelnde Verhältnis zwischen Mensch und Natur, das keinen idealen Urzustand kennt, zu historisieren. Damit wird der jahrhundertealte Ruf ‚Zurück zur Natur!‘ nicht bloß in Frage gestellt, sondern seine Absurdität enthüllt [...] Die ‚unberührte Natur‘ ist ein menschliches Konstrukt“ (1).


Die „unberührte Natur“ ist ein geistiger Gegenentwurf zur Stadt seit der Industrialisierung, eine mentale Reaktion der Romantik auf die Verstädterung und allmähliche Naturentfremdung. Aber von wem ist eigentlich die Natur unberührt und seit wann? Nicht selten haben schon indigene Völker in den sogenannten unberührten Gebieten gelebt. In der Umweltgeschichte wird die Faszination um Wildnis mit dem „Kult nach Ursprünglichkeit“ erklärt, also mit der weitverbreiteten Sehnsucht nach „Urzuständen“ und historischer Authentizität.


Als praktische Folge der Wildnisidee entstand der erste Nationalpark der USA, der Yellowstone, im Jahr 1872. Bezeichnenderweise war aber, dass, was die US-Amerikaner als „Wildnis“ oder „natürlich“ bezeichneten, Ergebnis indigener Brandwirtschaft und damit anthropogenem Ursprungs. Was also für die US-Amerikaner offenbar nicht Teil „ihrer“ Wildnis war, waren die ansässigen Native Americans, die einfach aus dem Park verdrängt wurden (2). Hier ist Wildnis eine vom „weißen Menschen“ unberührte Natur, Naturschutz ein Akt der Diskriminierung.


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Tristan Kallweit

Es scheint, als ob die westliche Gesellschaft Nordamerikas ihre Umwelt schützen wollte. Mit dem Begriff Umwelt, den Jakob von Uexküll etabliert hat, wird eine das Individuum umgebende Lebenswelt ausgedrückt (3). Der Begriff ist also extrem subjektiv, relativ, kontextabhängig und also von der Perspektive des Individuums abhängig. Demnach gibt es im Grunde keine Umwelt, sondern nur Umwelten. Vielleicht kann das auf eine bestimmte Gesellschaft extrapoliert werden. Jedenfalls sind Umwelten wohl übergeordnet zu verstehen, also geeignet, die Dichotomie Natur:Kultur aufzubrechen.


In der westlichen Welt wird traditionell Kultur, das Künstliche, Technische oder sonstwie durch Menschen Gemachte oder Vereinbarte, als Gegensatz zur Natur aufgefasst (4). Dieser Auffassung liegen mindestens zwei Narrative zugrunde: Gemäß dem Fortschrittsmodell begann die menschliche Existenz mit Chaos und Not (Naturzustand), ein Zustand, der erst infolge von „Höherentwicklung“ und „Aufklärung“ „gezähmt“ wurde. Ziel dieses Modells ist der Zustand der „höchsten Kultur“, die die Kräfte der Natur enträtselt hat und für den menschlichen Segen in Anspruch nimmt.


Diesem Modell steht die Entfremdungs- und Degenerationserzählung entgegen. Sie geht von einer selbstverschuldeten „Vertreibung“ des Menschen aus dem natürlichen (gesunden) „Paradies“ aus. Ihr zufolge ist die fortschreitende Kultivierung (oder Zivilisierung) des Menschen gleichzeitig eine zunehmende Naturentfremdung. Das Paradoxon ist dabei, dass es die menschliche Kultur selbst ist, die die Natur gefährdet, wohingegen man von dieser (eigentlich als schlecht empfundenen) Kultur den Naturschutz erwartet (5).


Man muss sich klarmachen, dass die menschliche Naturwahrnehmung immer kulturell geprägt ist. Im Naturschutz wird in diesem Zusammenhang oft auf die Lüneburger Heide hingewiesen. Sie ist ein Beispiel dafür, dass Naturschutz (in Mitteleuropa) genau genommen Kulturlandschaftsschutz ist. Bezeichnenderweise galt die Lüneburger Heide zeitweise als „unberührte Natur“, während sie heute – wie gesagt – als Inbegriff einer (norddeutschen) Kulturlandschaft gilt. Kontextabhängig, subjektiv, relativ ...


Eine „unberührte Natur“ scheint eine von Menschen nicht beeinflusste Natur zu meinen. Oft wird gleichzeitig aber eine gewisse Romantisierung indigener Völker betrieben, die es geschafft haben, irgendwie Teil dieser unberührten Natur zu sein. Hier ist der Mensch noch Teil der „Natur“ (?). Zu hinterfragen ist also, ob es jemals einen „harmonischen“ Urzustand der „Natur“ gegeben hat, den erst der Mensch durch sein Handeln „zwangsläufig“ aus dem Gleichgewicht brachte.


Wie das Beispiel aus Nordamerika verdeutlicht, kann die Idee der Unberührtheit von Natur kolonialistisch sein. Vor allem aber zeigt es, wie sehr Menschen sich anmaßen, ein Gebiet als unberührt zu deklarieren, um für die Kultur (Gesellschaft) ein Ort der Erholung darzustellen (Tourismus einer verwalteten, also statischen Natur, letzteres eigentlich ein Oxymoron). Die Abhängigkeit dieser oft so entgegengesetzt gedachten Konzepte liegt auf der Hand. Was die weiße Inbesitznahme Nordamerikas als unberührte Wildnis in Schutz nahm, war – überspitzt formuliert – die Lüneburger Heide der Native Americans. Und damit war sie – Kultur, Natur oder Wildnis?

Selbst die Idee der Wildnis, ein von Menschen überhaupt unberührtes Gebiet irgendwie in der Zeit einzufrieren, muss als fraglich bezeichnet werden. Ein Stück Landschaft vor Änderung zu bewahren, ist ja an sich schon ein sehr menschlicher Ansatz, der in der Natur ein Museum erblickt. In Deutschland nannte man das ab etwa 1900 treffend Naturdenkmalpflege, was um so treffender aus der Denkmalpflege entlehnt wurde.


Das Leben ist aber im ständigen und auch vom Menschen unabhängigen Wandel, auch das eine Grundannahme der Umweltgeschichte. Sie bezweifelt, ob es angesichts der Überpräsenz des Menschen und der weltumspannenden, anthropogenen Verschmutzung auf dem Planeten Erde noch wirklich so etwas wie unberührte Natur geben kann. Damit wird die Frage aufgeworfen: Warum bedarf es überhaupt angeblich unberührter Landschaften – gleichsam abgekapselt von den Menschen, aber zur Erholung für sie gedacht (Berührung!) –, wenn wir vielmehr die friedliche Koexistenz mit der uns umgebenden Natur und den anderen Lebewesen lernen müssten (6)?


Was ist Naturschutz und wer oder was wird durch Naturschutz geschützt? Darf der Naturschutz überhaupt ausgrenzen, sprich in eher gewollte und eher unerwünschte Arten unterscheiden? Gehört der Mensch zur Natur? Wann? Nach meinem Dafürhalten ergibt Naturschutz nur Sinn, wenn möglichst niemand vollumfänglich ausgeschlossen wird (sofort denkt man an zahlreiche Beispiele, wo das allerdings für die unbelebte Natur und die nichtmenschliche Tierwelt wünschenswert erscheint). Menschen und nichtmenschliche Lebewesen haben ein Recht auf Leben. So soll der Mensch zwar Baumaßnahmen und Eingriffe durchführen können, dabei aber die Belange seiner Mitbewohner möglichst achten. Haben diese knappen Ausführungen Fragen, Fragen, Einwände und Reflexionen erzeugt, so ist ihr Zweck erfüllt.


Tristan Kallweit für ArtenReich


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Literatur

(1) Melanie Arndt (2015): Umweltgeschichte. Docupedia-Zeitgeschichte. Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, S. 5f. Abrufbar unter:http://docupedia.de/zg/arndt_umweltgeschichte_v3_de_2015

(2) Arndt (2015): Umweltgeschichte, S. 7.

(3) Jakob von Uexküll (1992 [1934]): A stroll through the worlds of animals and men. Semiotica 89(4): 319-391; Brett Buchanan (2008): Onto-Ethologies. The Animal Environments of Uexküll, Heidegger, Merleau-Ponty, and Deleuze. Albany: State University of New York (SUNY) Press; Sara Asu Schroer (2019): Jakob von Uexküll: The Concept of Umwelt and its Potentials for an Anthropology Beyond the Human. Ethnos DOI: 10.1080/00141844.2019.1606841.

(4) Philippe Descola (2013): Beyond Nature and Culture. Chicago/London: University of Chicago Press.

(5) Arndt (2015): Umweltgeschichte, S. 7f.

(6) Vgl. Thorsten Gieser (2023): Leben mit Wölfen. Bielefeld: transcript.

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