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Frühe Stimmen zum Naturschutz- und Artenschwundproblem, Teil 1

  • 23. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Für mich ist es immer wieder erstaunlich, Aussagen bezüglich der Notwendigkeit von Natur- und Artenschutz vor Hundert und mehr Jahren anzutreffen, die unverändert heute abgedruckt werden könnten. Ich glaube, dass es nicht uninteressant ist, einige solcher Aussagen in einer mehrteiligen Reihe zusammenzutragen. Die angeführten Stimmen stammen von 1880 bis 1959.


Das „Verhältniß des modernen Lebens zur Natur“ (1)

Im Jahr 1880 kritisierte Ernst Rudorff, einer der Gründer der Naturschutzbewegung in Deutschland, dass man die Natur „in grausamer Rücksichtslosigkeit um des materiellen Vortheils willen mit Füßen“ trete. In Nord- und Mitteldeutschland sei man bemüht, gelegentlich der „Zusammenlegungen der bäuerlichen Grundstücke zum Zweck bequemerer Bewirthschaftung“ das „bunte, anmuthige Land zu einem möglichst kahlen, glatt geschorenen, regelmäßig geviertheilten Landkartenschema umzuarbeiten.“ Jede vorspringende Waldspitze werde „dem Gedanken der bequemen geraden Linie zu Liebe rasiert“ und „im Innern der Forsten keine Lichtung, keine Waldwiese“ geduldet. Bäche, „die die Unart haben, in gewundenem Lauf sich dahinzuschlängeln, müssen sich bequemen, in Gräben geradeaus zu fließen.“ Natürlich fallen bei „der rechtwinkligen Eintheilung der Grundstücke [...] dann auch alle Hecken und einzelnen Bäume oder Büsche [...] der Axt zum Opfer.“ So verliere namentlich „der Singvogel eine Stelle, an der er nisten mag.“


„Eine wahre Manie hat die Welt ergriffen, die Natur in ihrem eigensten Wesen zu zerstören unter dem Vorgeben, daß man sie dem Genuß [Tourismus oder bequemere Bewirtschaftung] zugänglich machen will: eine Manie, ähnlich der Thorheit der Kinder, die die rechte Freude an ihrem Spielwerk darin suchen, daß sie es zerbrechen.“ „Und was kommt für die Menschheit im Allgemeinen bei dieser Praxis heraus?“


Rudorff forderte, dass „seitens der Regierung energische Anregung gegeben“ werde, „die Hecken, wo sie in Folge der Neueintheilung haben weichen müssen, an anderer Stelle wieder anzulegen, Wiesen und Gärten regelmäßig damit einzufriedigen, auch einzelne Bäume und Büsche sei es zu erhalten, sei es neu anzupflanzen, und so nicht nur das Malerische der Landschaft zu fördern, sondern zugleich für die Erhaltung der Vögel Sorge zu tragen, denen ihre Brutstätten durch die Verkoppelung der Feldmarken nach heutiger Praxis fast vollständig genommen zu werden drohen.“


Heckenlandschaft in Dorset (Südengland) (c) Tristan Kallweit
Heckenlandschaft in Dorset (Südengland) (c) Tristan Kallweit

„Die Gefährdung unserer Tierwelt“ (2)

Im frühen 20. Jahrhundert erreichten die Tiergeschichten von Hermann Löns eine weite Verbreitung in der Bevölkerung. Wenn man auch aufgrund der ideologischen Instrumentalisierung seiner Person gerade in den extremsten Zeiten des deutschen Nationalismus das Lönssche Werk kritisch betrachten muss, lässt sich sein didaktischer Wert für den Naturschutz nicht abstreiten. Diesbezüglich sind vor allem seine Bücher „Mümmelmann“, „Der zweckmäßige Meyer“ und „Kraut und Lot“ zu nennen.


In einem Vortrag auf dem vierten Niedersachsentag 1906 kam Löns auf die Unentbehrlichkeit jeder Art zu sprechen. „Die Natur ist nämlich nicht ganz so einfach zusammengesetzt, wie eine Taschenuhr. Hier ist ein anscheinend überflüssiges Zäpfchen, dort ein scheinbar nur als Schmuck dienendes Edelsteinchen, an einer anderen Stelle sitzt ein Schräubchen, das zwecklos aussieht. ‚Fort damit!‘ sagt der Mensch, der Allesbesserwisser, und schon ist die ganze Maschine in Unordnung.“ Es gebe „kein durchaus nützliches und kein durchaus schädliches“ Tier bei uns. „In der Natur ist nichts überflüssig.“


„Der Naturschutz“ (3)

Als Professor für Naturschutz setzte sich Konrad Guenther jahrzehntelang für einen verstärkten Naturschutz ein. Er forderte mehr oder weniger zeitgleich mit Hermann Löns die Einführung einer Jagdprüfung als Voraussetzung für die Jagdausübung, um der willkürlichen Verfolgung einzelner Vogelarten einen Riegel vorschieben zu können. Guenther veröffentlichte mehrere, populärwissenschaftlich gehaltene Bücher ab 1900 bis zur Jahrhundertmitte.


In einer wegweisenden Schrift von 1910 legte er dar, wie engstirnig und einseitig Anschuldigungen der Schädlichkeit bestimmter Tiere sind. „Es wird einst die Zeit kommen,“ führte er aus, „wo die Menschen wissen werden, was sie an der Natur haben. Dann wird man darüber lachen, daß früher bei der Frage, ob die Natur der Heimat zu erhalten sei, nur daran gedacht wurde, inwieweit sie sich für den materiellen Wohlstand als nützlich erweise. Aber auch schämen wird man sich der Vorfahren, für die die Natur nichts anderes, als eine zu melkende Kuh war. [...]

Es ist kurzsichtig, ein Tier für sich allein daraufhin anzusehen, ob es nützlich oder schädlich sei und dann sein Urteil zu verallgemeinern. Tier- und Pflanzenwelt unserer Heimat bilden ein einheitliches Ganzes, und kein Stück kann aus ihm entfernt werden, ohne daß das Ganze Änderungen zeigt oder Schaden erleidet.“ Der Mensch, „der irgend ein Tier sofort ausrotten will, wenn es ihm von dem wegfrißt, was ihm Nutzen bringt, erinnert mich an einen scheu gewordenen Ochsen, der ohne rechts und links zu sehen vorwärts rennt, und sei es auch mit dem Kopf durch die Wand“. 


Tristan Kallweit für ArtenReich

Literatur

(1) Ernst Rudorff (1880): Ueber das Verhältniß des modernen Lebens zur Natur. Preußische Jahrbücher 45(3): 261-276, S. 261-264, 266, 272.

(2) Hermann Löns (1906): Die Gefährdung unserer Tierwelt. Hugo’s Jagd-Zeitung 49(3): 70-78, S. 71-73.

(3) Konrad Guenther (1910): Der Naturschutz. Freiburg: Friedrich Ernst Fehsenfeld, S. 14, 38-40.


Den nächsten Teil dieser Reihe findet ihr hier.



1 Kommentar


Unknown member
26. Feb.

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