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Frühe Stimmen zum Naturschutz- und Artenschwundproblem, Teil 2

  • vor 1 Tag
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Die „Aufgaben des Weltnaturschutzes“

Paul Sarasin, ein bekannter Forschungsreisender und für zwanzig Jahre der erste Präsident der schweizerischen Naturschutzkommission (1), gab 1914 in einer 62-seitigen Denkschrift (zuvor als Vortrag gehalten im August 1910) seiner Überzeugung Ausdruck, „dass die gesamte freilebende höhere Tierwelt unseres Planeten dem endgiltigen Untergange verfallen ist“, wenn nicht mit dem allergrößten Aufwand „dem drohenden Unheil entgegengetreten“ werde.

Eine Weltnaturschutzkommission müsse in Gründung gehen und sich zur Aufgabe nehmen, „den Naturschutz in seinem ganzen Umfange von Pol zu Pol, über die gesamte Erde, Land und Meer, wirksam auszudehnen.“ Die Dringlichkeit könne nicht groß genug sein,

„denn wie die Natur keine politischen Grenzen kennt, so ist auch ihre Beschützung an keine staatlichen Bezirke gebunden“ (2).

Tierausbeutung und Kapitalismuskritik

Als Beispiel für die existenzielle Not bestimmter Tierarten verweist er insbesondere auf die „Hinschlachtung“ der Wale und Robben. Sarasin zeigte sich empört über die dabei vorwaltende „Gier nach hoher Dividende“. An der Westküste Afrikas habe eine Walfischfang-Gesellschaft 400% Reingewinn erzielt. Infolge der übermäßigen Verfügbarkeit von Walöl würde in Südeuropa vielerorts sogar Waltran an Stelle von Olivenöl verwendet. Auch diene Walöl zur Herstellung von Margarine und Seife und finde als Schmiermittel für Maschinen Verwendung. Auf diese Weise müsse „die edle Meerestierwelt verbluten, nicht etwa um dem Dürftigen Nutzen zu bringen, sondern um einigen Kapitalisten fette Dividenden zu sichern“ (3).


Von der Meerestierwelt will er den Lesenden sodann „auf die Grossfauna hinlenken, welche Afrika bevölkert, auf jene wundervolle Tiergenossenschaft, welche als eine ungeheure Biocönose, seit Urzeiten fast unberührt erhalten, dem weissen Menschen zur Niedermetzelung überantwortet wurde, dem weissen Menschen, der Meer und Land verödet und nur daran denkt, die lebendige Schöpfung der Erde [...] zu zerstören und die Trümmer in flüchtigen Geldgewinn zu verwandeln“ (4).


Naturschutzideale gehen langfristig mit materiellem Nutzen einher

Abschließend nimmt Sarasin noch Bezug auf die Ursache, weshalb oft ein Schutz bestimmter Tiere unterbleibe oder diese gar verfolgt würden. Dies entspreche einer Aufteilung in „gute“ (nützliche) und „böse“ (schädliche) Tiere. Dieser Nützlichkeitsstandpunkt aber müsse „vom Naturschutz ganz verlassen werden [...], hat doch jede Tierform, soweit sie irgend erträglich erscheint, Existenzberechtigung“. (In einer mehrteiligen Reihe werden wir demnächst einige Arten vorstellen, die unter der Zuschreibung „schädlich“ zu leiden hatten.) Überhaupt würde der Streit darüber, ob eine Tierart „Nutzen oder Schaden bringt“, nur Zeit vergeuden, „müsste man sich doch erst über die Frage einigen: was verstehen wir unter Nutzen? Ist dieser Begriff nur materiell zu fassen oder liegt er auch im Gebiet der Ethik und des Idealen?“ Aus idealen Motiven müsse der Weltnaturschutz kämpfen. „Der materielle Nutzen wird dann nachfolgen“ (5).


In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass sogar das Reichsvogelschutzgesetz von 1888 „auf Druck der Landwirtschafts- und Fischereilobby zwischen nützlichen und unnützen Vögeln" unterschied, "was nahezu sämtliche auch damals bereits selten gewordene Raubvögel, wie den Uhu oder den Steinadler, von den Schutzbestimmungen ausnahm“. Bis 1935 blieb es gesetzlich im Wesentlichen dabei (6). Aufgrund der massiven Verfolgung als "Raubzeug", also Konkurrenten der Jagd, sowie infolge des tiefgreifenden Lebensraumwandels (Habitatverlust), gingen u. a. die Bestände des Rotmilans stark zurück, gebietsweise führte dies sogar zur Ausrottung (7). Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Greifvögel sogar in der Brutzeit bejagt (8). Artenschutzmaßnahmen, wie das bundesweite Jagdverbot für Greifvögel von 1977, führten allmählich zur Bestandserholung (9).


der Rotmilan © Maria Effenberger
der Rotmilan © Maria Effenberger

Logik und wirtschaftliche Nachhaltigkeit gegen Artenverarmung

Zum Ende seiner Denkschrift wettert Sarasin gegen die seinerzeit verbreitete Hutmode, für die exotische Vögel aufgrund ihrer schmucken Federn massenweise gejagt wurden. Damit spricht er ein wirtschaftliches Argument an, das noch heute häufig gegen Naturschutzmaßnahmen vorgeschoben wird. Er geißelt nämlich die Kurzsichtigkeit, die teilweise im Raubbau an der Natur vorherrsche, in folgendem Gedankengang:

„Wenn, wie doch nur die Beschränktheit leugnen kann, bei der bestehenden Raubwirtschaft die Quellen versiegen, wenn das Material an Schmuckvogelleichen zu fehlen beginnt, womit werden wir dann die 50 000 Arbeiter ernähren? Werden sie dann verhungern müssen?“

Eine solche Frage „müsste als logische Folgerung einwandfrei erscheinen, insofern man eben die Existenz jener Masse vom Raubbau abhängig glaubt.“ Jeder wisse aber, „dass man bei Mangel an ächtem Material zu Surrogaten greifen wird, zu künstlich gefärbten Federn und Bälgen“. Warum gehe die Menschheit nicht „jetzt schon diesen Schritt, zwingen wir doch jetzt schon die Industrie zu Notbehelfen und retten wir an gefiederter Schönheit für uns und die Nachwelt, was noch zu retten ist!“ (10)


Zur Globalisierung im Naturschutz

Sarasins Bemühungen um einen internationalen Naturschutz landeten in den Schubladen bis zur Jahrhundertmitte aufgrund der zwei Weltkriege. Walther Schoenichens Buch von 1942 über „Naturschutz als völkische und internationale Kulturaufgabe“ (11) war nichts weiter als eine „naturschutzimperialistische Arbeit“ (12), die den Machtinteressen Hitlerdeutschlands vollauf Genüge zu tun beabsichtigte. Erst 1948 entstand mit der Gründung der IUPN (seit 1956 IUCN) allmählich der internationale Naturschutz heutigen Formats. Im Jahr 1961 gründete sich zudem der WWF und zehn Jahre später Greenpeace, die sich seitdem dezidiert mit Themen des Weltnaturschutzes befassen (13). Infolge der Ökologisierung der Gesellschaft in den 1960er und 70er Jahren kam es zu einer umweltpolitischen Wende, die zur ersten UN-Umwelt-Konferenz (United Nations Conference on the Human Environment) 1972 in Stockholm führte (14).


Tristan Kallweit für ArtenReich

Literatur

(1) F. Moewes (1929): Paul Sarasin †. Naturschutz 10(10): 289-292.

(2) Paul Sarasin (1914): Ueber die Aufgaben des Weltnaturschutzes. Basel: Helbing & Lid., S. 3, 6.

(3) Sarasin (1914): Ueber die Aufgaben des Weltnaturschutzes, S. 6-7, 10-11. Über Art und Ausmaß der Waljagd um die Mitte des 20. Jahrhunderts berichtet Curt Strohmeyer (1958): Der letzte Garten Eden. Berlin: Safari-Verlag, S. 374-379.

(4) Sarasin (1914): Ueber die Aufgaben des Weltnaturschutzes, S. 32. Vgl. Bernhard Grzimek (1954): Kein Platz für wilde Tiere. München: Kindler und Schiermeyer, S. 58-59, 73-80, 124-125; Strohmeyer (1958): Der letzte Garten Eden, S. 166-190.

(5) Sarasin (1914): Ueber die Aufgaben des Weltnaturschutzes, S. 48. Zur ökologischen Vielfalt als Grundlage der Wirtschaft, vgl. TEEB (2010) The Economics of Ecosystems and Biodiversity: Mainstreaming the Economics of Nature: A synthesis of the approach, conclusions and recommendations of TEEB; Reinhard Piechocki (2010): Landschaft - Heimat - Wildnis. München: C.H.Beck, S. 62-64. Siehe auch unseren Blogbeitrag: „IBPES: Artenschutz ist für die Wirtschaft essenziell!“

(6) Andreas Knaut (1994): Die Anfänge des staatlichen Naturschutzes. Geschichte und Gesellschaft 15: 143-162, S. 144-145.

(7) Rudolf Ortlieb (1989): Der Rotmilan. Die neue Brehm-Bücherei, Bd. 532. 5. Aufl. Magdeburg: Verlags KG Wolf.

(8) Hans Krieg (1989): Ein Mensch ging auf die Jagd. 2. Auflage. München: BLV

(9) Axel Hirschfeld et al. (2014): Ein Leitfaden für Naturfreunde und Behörden. Bonn: Leppelt.

(10) Sarasin (1914): Ueber die Aufgaben des Weltnaturschutzes, S. 51.

(11) Walther Schoenichen (1942): Naturschutz als völkische und internationale Kulturaufgabe. Jena: Gustav Fischer.

(12) Hans-Werner Frohn (2019): Naturschutz, Naturschutz über alles. In: Hans-Werner Frohn (Hrsg.), Zum Umgang mit der NS-Vergangenheit im Naturschutz, 23-135. München: oekom, S. 54.

(13) Anna-Katharina Wöbse (2006): Naturschutz global - oder: Hilfe von außen. Internationale Beziehungen des amtlichen Naturschutzes im 20. Jahrhundert. In: Hans-Werner Frohn & Friedemann Schmoll (Hrsg.), Natur und Staat. Staatlicher Naturschutz in Deutschland 1906-2006, 625-728. Bonn/Bad Godesberg: Landwirtschaftsverlag.

(14) Jürgen Rosebrock (2018): Von einer losen „Notgemeinschaft“ zum modernen Umweltlobbyisten - Der Deutsche Naturschutzring im umweltpolitischen Diskurs der Bundesrepublik Deutschland 1950-2000. In: Hans-Werner Frohn & Jürgen Rosebrock (Hrsg.), Herausforderungen für die Umweltkommunikation, 31-154. München: oekom.


Den ersten Teil dieser Reihe findet ihr hier.

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