Der Waldspaziergang und die anerzogene Angst vor der Natur
- 30. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Es gibt Menschen, für die ist ein Spaziergang durch den Wald eine Erholung und ein Genuss. Es gibt aber auch Menschen, denen ist ein solcher Ausflug durchaus zuwider. Beim Aufeinandertreffen mit - oder Angeflogenwerden von - Tieren zeigt sich häufig genug der Unterschied. Die dann eintretenden Reaktionsweisen sind anerzogen. Schon vor mehr als 100 Jahren war das Naturschützern bekannt.
„Ein Schreckenstag“ [1]
Die Familie Müller hat viel Sinn für die Natur. Sie beweist das dadurch, daß sie vier ganz große Goldfische in einem ganz kleinen Glase hielt, so daß die unglücklichen Tiere sich allmählich alle Schuppen aneinander abgerieben haben. Ferner besitzt man einen Kanarienvogel. Früher hatte man auch weiße Mäuse gezüchtet; aber als sie einmal ausbrachen und Zweigniederlassungen in den anderen Stockwerken gründeten, hatte der Hauswirt, ein Mann ohne jedes Verständnis für zoologische Bestrebungen, mit der Kündigung gedroht, falls die weiße Mäusezucht fortgesetzt würde.
So begnügt man sich mit den vier Goldfischen, dem Kanarienvogel und dem Getier, das man bei Ausflügen erwischte, füttert heute eine junge Singdrossel mit eingewässertem Schwarzbrot ins Jenseits, setzt morgen einen Wasserfrosch in das Goldfischglas und wundert sich Stein und Bein, als er am anderen Morgen ertrunken war, und erfreut sich übermorgen an dem Gezappel einer Eidechse, die Hans in der Schule gegen einen Haufen Briefmarken als junges Nilkrokodil eingetauscht hatte, und war maßlos erschüttert, als sie übermorgen als Wasserleiche auf dem Grunde der Glaskrause lag.
Ausflug in den Wald
Trotz all dieser Misserfolge blieb man aber unentwegt der zoologischen Liebhaberei treu und warf sich bei nächstbester Gelegenheit an den grünen Busen der Natur. Kaum war man im Wald angelangt, so hielt Vater Müller den Zeigefinger hoch und rief: „Horcht! Die Nachtigall!“ Ehrfurchtsvoll sahen alle nach dem Baum, auf dem eine Schwarzdrossel sich mit Singen beschäftigte. Fritz meinte zwar, in der Schule wurde gelehrt, die Nachtigallen sängen bloß nachts, der Vater aber wusste es besser, und so war diese Amsel eine Nachtigall und blieb es.
Lärchen und Lerchen
„Seht, Kinder“, sprach er dann und zeigte auf einen Baum, „das ist eine Erle.“ Es war aber eine Lärche, und deswegen setzte die Mutter, um zu zeigen, dass ihre naturwissenschaftlichen Kenntnisse ebenfalls bedeutend seien, hinzu: „Aber nicht der Vogel, der so schön singt.“ Hans sah sie dumm an und meinte dann: „Denn meinst du wohl ´ne Lerche?“ Seine Eltern hüllten sich teils in Schweigen, teils in Schamröte. Die Mutter machte einige unwirsche Bemerkungen über die Mücken und trat dann mit viel überflüssigem Kraftaufwand einen prachtvollen Raubkäfer tot, der gerade einer Raupe den Garaus machte. „Denn das sind alles schädliche Tiere“, erklärte sie, als das herrliche Geschöpf unter ihrer Sohle zerkrachte.
„Schlange ist Schlange“
Ein Aufschrei lenkte ihre Aufmerksamkeit zu ihren Kindern. In deren Nähe kroch nämlich eine lange, schwarze, weißgestreifte, splitterfasernackte Schnecke harmlos über den Weg. Hans hatte gerufen: „O, fein, eine Blindschleiche!“ Als er aber danach greifen wollte, rissen ihn Hete und Grete unter gellendem Gezeter zurück und schrien: „Bloß nicht! Es ist eine Kreuzotter!“ Hans behauptete zwar steif und fest, es wäre eine Blindschleiche, es könnte auch eine Ringelnatter sein. Der Vater aber sagte: „Schlange ist Schlange“ und führte einen furchtbaren Hieb nach dem Tier, traf es aber nicht, sondern nur die Erde, auf der es kroch, sodass es der Mutter gegen den Rock flog, worauf sie schrecklich schrie, als ginge es ihr an das Leben.
Aus Reh wird Hirsch
Im großen Bogen gingen nun alle um die Schnecke weiter den Waldweg entlang. So kamen sie an eine Lichtung, auf der ein Rehbock stand, sie einen Augenblick anäugte und dann laut schreckend in der Dickung verschwand. Mutter Müller wurde erst weiß, dann rot, dann blau und jappte: „Was habe ich mich verschrocken! Kommt der Hirsch auch nicht wieder?“ Ihr Ältester meinte zwar: „Das war ein Reh!“, aber er wurde ausgelacht: „So? Haben die Rehe Hörner?“ hieß es. „Hörner haben sie bloß, wenn sie groß sind und Hirsche geworden sind, und dann hat er ja auch gebrüllt, und das tun bloß die Alten. Der Lehrer hat uns das erst gestern, als wir Natur hatten, erzählt.“ Man sah sich nun vor, „denn Hirsche sind unter Umständen gefährlich“, meinte der Vater und trug fortan seinen Stock so, wie ein Massai den Speer.
Ungeheuer im Unterholz
Und das war auch gut so. Denn als man so dahinschlich, furchtsam nach allen Seiten spähend, quiekte Hete plötzlich schrecklich auf, stotterte und zeigte mit dem Zeigefinger auf den Weg: „Schon wieder ´ne Schlange!“ Es war eine Blindschleiche, die sich sonnte. Nun war guter Rat teuer. Rechts und links war dichtes Unterholz, in dem wer weiß welche Ungeheuer wohnten, und zurück wollte man nicht gehen. Da sprang Hans mutig vor. Mit einem Schlag seines Stockes zerschmetterte er dem Tier den Rücken, und er hielt erst ein, bis nur noch Fetzen davon übrig waren.

In Lebensgefahr
Kaum war man eine Viertelstunde weitergegangen, so schreckte im Gebüsch wieder ein Reh. Als dazu noch ein Häher in dem Gebüsch zeterte und zudem eine prachtvolle, schwarz und gelb gefärbte Hummel um Mama Müllers Blumenhut herumsummte, sträubte sich bei allen das Haar. „Nein“, seufzte sie und atmete beschwerlich, „keine zehn Pferde kriegen mich wieder in diese lebensgefährliche Gegend!“ Erneut erschrak sie, denn hinten im Wald ließ der Schwarzspecht sein klirrendes Gelächter erschallen. „Was ist denn das wieder für ein Ungetüm?“ jammerte die gute Frau. „Kinder und Leute, ich will Gott danken, wenn wir hier erst gesund heraus sind! Aber das sage ich euch: einmal und nie wieder! Ich habe von heute mehr als genug, und es soll mich nicht wundern, wenn es nicht noch schlimmer kommt. Am Ende gibt es hier noch Wölfe!“

Aus Hirschkäfer wird Krebs
Frau Müller erholte sich erst, als sie in der Wirtschaft vier Tassen Kaffee und zwei Meter Butterkuchen vertilgt hatte. Die fünfte Tasse wurde ihr aber etwas vergällt, denn gerade als sie Milch dazu tun wollte, plumpste ein Hirschkäfer hinein. „O Gott, ein Krebs, wie scheußlich!“ Hans ergriff den Käfer, doch dieser kniff zu. „Wenn das bloß keine Blutvergiftung gibt“, stöhnten die Eltern. Daraufhin stellten sich ihre Augen sofort wieder auf Todesangst und bleiche Furcht ein, als der Hirschkäfer seine Schwingen erhob und mit Getöse dicht an deren Nasen davonschnurrte. „Das ist ja schrecklich hier“, meinten die Eltern und saßen fortan da, als erwarte sie jeden Augenblick eine Raubkatze oder eine Riesenschlange.
„Von der Natur hatten sie für immer genug“
Letztlich fing es an zu regnen. Überall krochen die furchtbaren Tiere, die man für Kreuzottern hielt und bei jedem Frosch, der über den Weg hüpfte, gab es ein beträchtliches Gejammer. Ganz elend aber wurde Frau Müller, als ein Salamander über den Weg watschelte. „Schwarz und gelb!“ stöhnte sie, „wenn das nicht giftig ist, dann weiß ich es nicht!“ Auch die Fledermäuse erfüllten die Familie mit Grauen. „Die Tiere fliegen einem ins Haar“, erklärte der Vater. Fortan blieb den Eltern dieser Waldspaziergang als ein Schreckenstag sondergleichen in Erinnerung, und von der Natur hatten sie für immer genug.
In vorstehender Geschichte stellte Hermann Löns das Verhältnis des Menschen zur Natur in satirischem Verzug dar. Den Ausgangspunkt nimmt eine seinerzeit häufige Gewohnheit, Tiere für „Liebhaberzwecke“ aus ihrem Lebensraum mit in die menschlichen Wohnungen zu nehmen, wo sie dann bisweilen jämmerlich starben. Der Rest der Geschichte zeigt, wie aufgrund von Unkenntnis Tiere in ihrem Lebensraum (Wald) nicht nur falsch identifiziert wurden bzw. werden, sondern auch aus falscher Furcht bei der erstbesten Gelegenheit beinahe jedes Tier geradezu willkürlich getötet wurde bzw. wird.
„Unsre Kinder [...] glauben’s schließlich, was die großen Leute so oft sagen: ‚abscheuliche, häßliche Geschöpfe! zu nichts nütze, man soll sie totschlagen!‘ und sie kreischen nun auf dem Anblick einer Blindschleiche“, betonte der Zoologe Martin Braeß schon 1915 den maßgeblichen Einfluss, welche die Eltern in der Heranführung an Natur und Tierwelt auf ihre Kinder ausüben [2].
Braeß richtete sich mit folgenden Worten an die Eltern:
„Ein Wort an die Eltern“ [3]
Eltern nehmen ihre Kinder gelegentlich des Sonntags mit auf einen Spaziergang. Bald findet das kleine Kind eine Blume, bald einen Wurm, bald einen Käfer, jetzt sieht es einen Vogel und ruft: „Vater, Vater, das allerliebste Blümchen, das hübsche Vögelchen!“ Aber der Vater antwortet verärgert: „Komm, komm! hast du denn noch nie einen Vogel gesehen?“ Dann hält das Kind eine Raupe in der Hand und bringt sie glücklich der Mutter. „Sieh doch das merkwürdige Tier, das ich gefunden habe, und die zierlichen Haare, die es hat, und wie es so leise krabbelt mit den Füßchen.“ – „Pfui, pfui, wirf sie weg, die scheußliche Raupe! Wie kannst du’s nur anfassen, solch garstiges Zeug!“
Erneut bleibt das Kind zurück und bewundert einen Falter, wie er von Blume zu Blume fliegt. Dann lauscht es dem Zirpen der Grillen. „Was bleibst du wieder stehen, du dummes Kind! Komm, komm!“ meckert der Vater. „Wenn du jetzt ordentlich mitgehst, sind wir bald im Café. Dort gibt’s Kakao und ein großes Stück Kuchen.“ Und nun marschiert das Kind voran, denkt dabei an den Kuchen und lässt Natur Natur sein. Dem Vater ist sein Kunstgriff gelungen.
So in etwa stets geschrieben in einem alten Büchlein unter der herzlosen Überschrift: „Mittel, die Kinder gegen die Schönheiten der Natur unempfindlich zu machen.“
Und tatsächlich, verbiete ihnen, sich am Leben in der freien Natur zu erfreuen, suche sie davon abzubringen durch allerlei Versprechungen, und du wirst Menschen großziehen, über denen die Lerche ihr fröhlich Auferstehungslied am blauen Himmelszelt schmettert: sie hören’s nicht! Oder zu deren Füßen die Ameisen ihren kunstvollen Bau errichten: sie sehen’s nicht! Ihre Gedanken weilen bereits im Wirtshaus bei Spiel und Getränk.
Aber gerade den Tieren bringt doch jedes Kind das erste Interesse, die erste Liebe entgegen. Noch ehe der Säugling sprechen kann, hört er auf die Stimme des Vogels und beobachtet die Bewegungen der Katze. Der Kleine, der seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und Garten unternimmt, schließt bald die zärtlichsten Freundschaften mit allem, was kriecht und fliegt; das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßigen Fühlhörnern, der summende Maikäfer sind seine Lieblinge. Der Tag, an welchem der Star zum ersten Mal wieder vor dem Häuschen sitzt und mit zitternden Bewegungen der Flügel sein frohes Schwatzen und Pfeifen begleitet, wird zum Festtag. Klopfenden Herzens lauschen die Kinder dem stillen Familienglück der zutraulichen Hausrotschwänzchen, die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen mit den kurz zugestutzten Schwänzchen den ersten Schritt hinaus in die Welt wagen.
Nur ein klein wenig Interesse seitens der Eltern braucht’s, ein klein wenig Verständnis und Entgegenkommen! Das Kind sieht im Tier ein ihm verwandtes Wesen: der Star ist sein Bruder, die Kröte seine Schwester; es spricht mit dem Käfer, der ihm über die Hand läuft, es spielt mit dem Hündchen wie mit seinen Geschwistern.

Es ist ein hartes, aber wahres Wort: ohne daß sie’s wollen und wissen, unterdrücken die Eltern so oft diese natürliche Zuneigung der Kleinen zu der heimatlichen Tierwelt.
Furcht und Ekel flößen sie den Kindern ein. Auf der Straße ist’s „der böse Hund, der gleich beißen wird“ und den das Kind doch so gern geliebkost hätte; oder das Pferd, dem es sich zutraulich nähert, „gleich wird es mit seinem Huf nach dir ausschlagen!“ Im Garten die schwarze Wegschnecke, „welch ekliges Tier“, und gar erst eine Kröte oder ein Regenwurm! Im Haus die Spinne, die Maus, „welch abscheuliche, häßliche Geschöpfe!“ Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen, glauben’s schließlich, was die Erwachsenen so oft sagen. Fortan kreischen sie auf beim Anblick einer Maus und fürchten sich, den feuchtkalten Frosch zu berühren. Vorurteile, nichts als Vorurteile, anerzogen, nicht angeboren! Auch hier gilt das Wort: „Werdet wie die Kinder!“
Tristan Kallweit für ArtenReich
Quellen
[1] Eine leicht bearbeitete Fassung des gleichnamigen Kapitels aus „Der zweckmäßige Meyer“ von Hermann Löns, erschienen 1911 bei Adolf Sponholtz in Hannover.
[2] Martin Braeß (1915): Schutz den heimischen Kriechtieren und Lurchen! Naturdenkmäler 2,1(11): 3-47, S. 32.
[3] Eine umgeschriebene Fassung des gleichnamigen Kapitels aus „Tiere unserer Heimat“ von Martin Braeß (2. Aufl.), erschienen 1913 bei Callwey in München.





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