Kurzgeschichte zum Eichelhäher
- 26. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Apr.
"Der Eichelhäher" (1)
Es sitzt ein Vogel im Eichenbaum. Er schwatzt und plaudert, als wäre er ein Pirol oder Würger, und dann schnalzt er wie ein Eichhörnchen, miaut wie ein Bussard, trompetet wie ein Kranich, ruft wie ein Buntspecht, pfeift wie ein Star und quietscht wie ein Wagenrad. Jetzt kreischt er laut und gellend auf und schwebt davon wie ein riesengroßer, bunter Schmetterling.
Waldpolizei
Der Markwart ist es, der Eichelhäher, der Schalksnarr und Irrwisch, der lustige Schwätzer, der fröhliche Spötter, der Prahlhans und Angstmeier, Wildverkünder und Wildvergrämer, der Nestzerstörer und Eichenpflanzer, der alles kann, der alles sieht, alles kennt, der heute pfiffig und morgen dummdreist, eben vorlaut und frech und jetzt wieder heimlich ist. Der Vogel, dessen Stimme und Benehmen ebenso voller Gegensätze ist wie sein Gefieder.
Gefieder
Wie fein, weich und zart ist das rötliche Grau seines Rumpfes. Wie herrlich ist der gelbliche, schwarz übertupfte Scheitel dazu gestimmt und das warme Braunrot der Flügeldecken. Wie toll aber stechen dagegen die leuchtend himmelblauen, schwarz und weiß gestriemten Achselklappen ab, die schwarzweißen Schwingen, die weißen Schwanzdeckfedern und der schwarze Schwanz.

Warnruf
Ein gellendes Kreischen, und fort stiebt der bunte Vogel, da und dort aus dem Dickicht weiterkreischend. Erstaunt sehe ich mich um, kann aber nichts erspähen. Aber das Kreischen dauert fort, ist bald hier, bald da in der Dickung, lässt nach, um betäubend wieder zu beginnen. Und aus dem Unterholz schiebt sich ein roter Leib mit spitzem Gesicht und weißer Brust hervor, eine buschige Rute zuckt hin und her, und breit steht auf der Wiese der Fuchs. Über die Anwesenheit des Räubers erhebt der Eichelhäher seinen rätschenden Warnruf.
Gewandt und sicher schwenkt er im Schwebeflug durch das enge Stangenholz, und jammervoll unbehilflich flattert er von Feldbusch zu Feldbusch, immer in Todesangst vor Habicht und Sperber. Aber in gemeiner Weise piesackt er den unglücklichen Waldkauz, und wehe dem Marder, den er tagsüber antrifft. Nicht eher gibt er sich zufrieden, als bis der Schleicher sich in einem Loch verkrochen hat, und die Füchsin, die am Tag auf Raub auszieht, muss ohne Beute wieder in die Dickung, denn unaufhörlich lästernd und kreischend begleitet der Schreihals sie und warnt alles Getier vor ihr.
Nestleben
In keiner Sache zeigt er Stetigkeit. Heute baut er sein Nest in vierfacher Manneshöhe im engen Bestand, das nächste Mal scheint es ihm richtiger zu sein, es fünf Fuß über dem Boden dicht am Weg anzulegen. Steht das Nest heute in der Astgabel dicht am Stamm, so ist es ein anderes Mal in das äußerste Ende eines Zweiges gebaut. Das eine Mal ist es leidlich aus dürrem Laub zusammengeflickt und oberflächlich mit Wurzeln ausgelegt, dann wieder ist es ein Meisterwerk aus feinen Zweigen und langen Moosranken und auf das sauberste mit den allerweichsten Wurzeln ausgepolstert. Und während ein Nest breit und flach ist und mit seitwärts abstehenden Zweigen unordentlich daherkommt, ist ein anderes mehr als halbkugelig, hübsch rund und mit einer tiefen Mulde versehen. Einmal liegen vier Eier darin, ein anderes Mal neun, und wenn die einen denen einer Elster ähneln, so gleichen die anderen mehr denen von Zwergwasserhühnern.
Essgewohnheiten
Ebenso unstet sind seine Essgewohnheiten. Der Maikäfer ist ihm ebenso lieb, wie die Haselnuss ihm recht ist. Jetzt sucht er vorsichtig einen Zweig nach Schildläusen ab, dann schlingt er ein Dutzend Eicheln herunter, als habe er acht Tage gehungert. Aber da sieht er eine Blindschleiche. Schwupp, hat er sie beim Wickel, und da der dicke Kropf ihn hindert, so würgt er die Eicheln heraus, quält die Schleiche zu Tode, frisst ein Stückchen davon und will gerade fortfliegen, denn es gelüstet ihn nach Brombeeren, da fallen ihm wieder die Eicheln ein. Mitnehmen? Nein, dazu hat er keine Lust. Liegen lassen? Erst recht nicht. So buddelt er denn mit dem Schnabel ein Loch neben dem anderen, steckt in jedes eine Eichel und drückt die Löcher sauber mit dem Schnabel zu. Mitten in der Arbeit wird ihm die Sache aber langweilig, und er lässt die Hälfte der Eicheln liegen.
Acht Tage lang kann er sich von Kerbtieren ernähren, bis er eine spontane Neigung für Aas entdeckt. Heute sitzt er fromm zehn Schritte von dem Buchfinkennest entfernt, ohne sich darum zu kümmern, morgen hackt er die Eier entzwei, frisst etwas davon und reißt schließlich das Nest auseinander, um einige Büschel davon zum Bau des eigenen Nestes zu verwenden. Einmal rührt ihn das Piepsen der nackten Nestvögelchen gar nicht, trotzdem es unmittelbar unter ihm ertönt, während er ein anderes Mal so lange durch das Geäst schlüpft, bis er ein Nest findet. Dann setzt er sich daneben, besieht sich die Jungen, holt eins heraus, dreht es mit den Klauen auf dem Ast hin und her, hackt es tot, frisst es an, lässt es fallen, holt sich ein zweites, wiederholt die Prozedur, und dann auf einmal bekommt er Lust auf Wicklerraupen, dreht jedes Blatt um und sucht eine Stunde lang das winzige Gewürm, bis ihm auch das langweilig wird und er im Altlaub nach Käfern scharrt, um einige Augenblicke später wieder einem Schmetterling nachzujagen.

Lebensraum
Er macht alles geradeso, wie es ihm in den Kopf kommt. Er ist kein Zugvogel, aber wenn es ihm paßt, dann verschwindet er auf Wochen aus seinem Wald. Er ist kein Standvogel, aber er kann bis in den Spätherbst am Platz bleiben, um dann, obwohl es woanders auch nicht mehr zu fressen gibt, plötzlich die Reisesucht zu bekommen. Nadelwald und Laubwald, ihm ist alles gleich. Am Rand der Moore gefällt es ihm ebensogut wie hoch oben im Gebirge, und ob er im Feldbusch wohnt oder in dem geschlossenen Forst, ob im jungen Holz oder im Altbestand, das macht ihm wenig aus. In der dürren Kiefernheide geht es ihm ebensogut wie im üppigen Auwald, denn er kann alles gebrauchen, Kerbtiere wie Waldbeeren, Baumfrüchte und Schnecken, Obst und Getreide, und findet er hier das eine nicht, so trifft er das andere an, und so kann er nie umkommen.
Darum vermehrt sich der Eichelhäher überall, denn Habicht und Wanderfalke, die ihm bisweilen nachstellen, werden immer seltener, und Marder und Kauz erwischen nur selten einen alten Häher und die Jungen auch nicht viel öfter. Und so trifft man ihn überall an, den bunten Schalksnarren, wo es Wald und Busch gibt, und freut sich über ihn, denn wenn er auch das Plündern von Nestern gelegentlich übertreibt und oft in den Saaten der Forstleute allerlei Unfug anrichtet, er pflanzt doch manche Buche, manche Eiche, er verbreitet Haselnuss, Eberesche und Brombeere, er vertilgt allerlei Insekten, die der Forstwirtschaft unbequem werden können. Und schließlich: Er ist so schön und drollig und bringt so viel Leben in den stillen Wald, daß wir ihn dort nicht missen möchten.
Tristan Kallweit für ArtenReich
Quellen
(1) Eine leicht bearbeitete Fassung des gleichnamigen Kapitels aus den „Tiergeschichten“ von Hermann Löns, die von 1932 bis 1940 mehrfach im Insel-Verlag erschienen sind. Neben seinen Tiergeschichten machte Hermann Löns auch auf „Die Gefährdung unserer Tierwelt“ aufmerksam. Jedoch sind seine Werke stets kritisch zu betrachten. Mehr dazu erfahrt ihr in diesem Beitrag.


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