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Der Maikäfer

  • 21. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Mai

Der Maikäfer heißt in seiner Jugend Engerling. In diesem Zustand schafft er bedeutenden Nutzen dadurch, daß er von den nützlichen Maulwürfen gefressen wird. Gäbe es keine Engerlinge, so wäre der Maulwurf lediglich auf Regenwürmer angewiesen. Regenwürmer aber sind sehr nützlich, denn sie drainieren und düngen den Erdboden. Würde der Maulwurf also weiter nichts als Regenwürmer haben, so würden diese bald ausgerottet sein und könnten der Landwirtschaft nicht mehr so viel nützen.


Das Äußere

Der Maikäfer besitzt zwei Augen, die einen eigentümlichen starren Blick haben, und zwei Fühler, die bei den Weibchen klein, bei den Männchen doppelt so groß sind. Wenn der Maikäfermann guter Laune ist, breitet er seine Fühler auseinander, so daß sie wie zwei kleine rotbraune Fächer aussehen. Wenn der Maikäfer fliegen soll, pumpt er sich voll Luft, breitet die Flügel aus, erst die oberen, hornigen, dann die unteren, häutigen.


Vorder- und Oberseite des Maikäfers © Fabian Kruse
Vorder- und Oberseite des Maikäfers © Fabian Kruse

Der Lebenszyklus

Der Maikäfer hat nur ein kurzes Leben. Wenn er sein Ende herannahen fühlt, begibt er sich in die Nähe eines Spatzen und spart so die Kosten der Beerdigung. Die Maikäferfrau legt, wohlgemerkt vorher, Eier in die Erde. Daraus kommen dann die Engerlinge, die drei Jahre brauchen, ehe sie sich verpuppen. Zu diesem Zweck bauen sie sich in der Erde eine Höhle, ziehen ihr altes Kleid nebst den Beinen aus und werden zu einer Puppe. Im folgenden Frühjahr kriecht der Käfer aus der Erde.


Maikäfermastjahre

Es gibt nicht jedes Jahr viele Maikäfer. Oft gibt es drei Jahre lang keine, im vierten aber so viel, daß der Ausfall der schlechten Jahre reichlich wieder wettgemacht wird. Solche Jahre nennt man Flugjahre, obgleich es eigentlich Fluchjahre heißen müsste, denn alle Leute, die sich aus Maikäfern nichts machen, führen dann unchristliche Reden, weil die Maikäfer die Bäume kahlfressen. Das ist ungerecht, denn auch ein Maikäfer hat Hunger.


Werbung für ein heute verbotenes Insektizid zur Maikäferbekämpfung von 1959
Werbung für ein heute verbotenes Insektizid zur Maikäferbekämpfung von 1959

Etwa alle vier Jahre also treten Maikäfer, wenn nichts dazwischenkommt, massenhaft auf. Vier Jahre braucht er nämlich zu seiner vollkommenen Metamorphose (Umwandlung), vom Ei über die lange Aufenthaltsstation Engerling und über den kurzen Haltepunkt Puppe hinweg bis zum braunrockigen Käfer. Als fertiger Käfer aber lebt er nicht länger als drei bis sechs Wochen über der Erde, wo sie herumschwärmend Verlobung und Hochzeit am selben Tage feiern. Sodann legen die Weibchen ihre Eier ab, einige Zentimeter tief in den Boden, woraufhin die Weibchen bald sterben. Bald wird’s auch den Männchen langweilig, sie werden matt und mit den letzten Blütenblättern des Apfelbaums fallen auch sie zu Boden, wenn sie nicht schon vorher ein Vogelschnabel gepackt hat oder das spitze Gebiss einer Fledermaus.


Um sich eine Vorstellung vom Umfang der Maikäfer in früherer Zeit machen zu können, ist das maikäferreiche Jahr 1868 beispielhaft. „Damals“, so Martin Braeß, „suchte der landwirtschaftliche Zentralverein der Provinz Sachsen den Schädlingen ganz energisch“ entgegenzuwirken. Er ließ nämlich, „hauptsächlich durch Kinder, nicht weniger als 30 000 Zentner Käfer sammeln, die mit Kalk vermischt zu Dünger verarbeitet wurden. 30 000 Zentner ist aber eine schöne Portion und will etwas sagen! denn der einzelne Maikäfer wiegt ungefähr ein Gramm - 530 gehen aufs Pfund“. Alles in allem „bedeuten jene 30 000 Zentner die ungeheure Zahl von ungefähr 1590 Millionen Stück“ Maikäfer [1]!


Das "freundliche" Antlitz des Maikäfers mit den charakteristischen fächerartigen Fühlern © Fabian Kruse
Das "freundliche" Antlitz des Maikäfers mit den charakteristischen fächerartigen Fühlern © Fabian Kruse

Die Nahrung des Maikäfers

Wenn Ende April an lauwarmen Frühlingsabenden die ersten Käfer aus der Erde herauskriechen, dann machen sie sich zunächst an die Birkenblätter und an das junge Laub der Roßkastanien. Später geht’s auf die Obst- und Ahornbäume, dann auf die Eschen und Linden, am liebsten ist ihnen aber das Blatt des Eichbaums. Da kann man des Morgens die von der Kühle der Nacht halberstarrten Käfer herabschütteln, daß es nur so auf den Boden prasselt. Selbst die jungen Maitriebe von Fichten und Tannen und die noch zarteren Nadeln der Lärche werden nicht verschmäht. So sind nur die Kiefer und die Robinie von den Heimsuchungen des Maikäfers verschont, weil ihre Nadeln zu hart sind bzw. das junge Laub erst dann erscheint, wenn die große Masse der Käfer bereits verschwunden ist.


Alles stellt ihm nach

Zahlreiche Räuber stellen dem braunen Käfer nach und seinem jugendlichen Vorgänger, dem saftigen, fetten Engerling ebenso. Krähen und Dohlen schreiten hinter dem Pflug des Landwirts einher, in ganzen Scharen lassen sich die Stare auf den Sturzäckern nieder. Maulwurf und Spitzmaus sind die unterirdischen Hilfstruppen des Feld- und Gartenbesitzenden, während die nächtlich fliegenden Eulen, Ziegenmelker und Fledermäuse wohl zu den Hauptfeinden des ausgebildeten Insekts zählen. Ja, manch ein Eulengewöll besteht aus nichts weiter als Flügeln, Beinen und anderen Körperteilen des Maikäfers. Selbst Taggreifvögeln, Finken, Würger, Fuchs, Marder und Igel ist der sechsbeinige Braunrock eine willkommene Beute.


Alle kennen ihn

Der Maikäfer ist unbestritten das volkstümlichste Insekt. Umso merkwürdiger ist, dass er in Märchen, Sage und Redensarten so gut wie keine Rolle spielt. Dafür kennt jeder die Begegnung mit Maikäfern, dessen plumpes Herum- bzw. Anfliegen oftmals eher verziehen wird als bei so manch anderem Insekt.


Tristan Kallweit für ArtenReich

Quellen

Diese Kurzgeschichte ist eine leicht bearbeitete Fassung des gleichnamigen Kapitels aus „Der zweckmäßige Meyer“ von Hermann Löns, erschienen 1911 bei Adolf Sponholtz, Hannover, sowie des Kapitels „Ein treuer Anhänger des julianischen Kalenders“ aus „Tiere unserer Heimat“ von Martin Braeß (2. Aufl.), erschienen 1913 bei Callwey in München.

[1] Martin Braeß (1913): Tiere unserer Heimat. 2. Aufl. München: Callwey, S. 72.

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