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Amphibien auf der Spur: Exkurs Wanderung

  • 12. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

In diesem Zusatzformat der herkömmlichen „Amphibien auf der Spur“-Reihe wird es etwas theoretischer als gewohnt zugehen. Hier möchten wir euch einige Basics rund um die faszinierende Lebensweise unserer heimischen Amphibienarten näherbringen und diese in den Kontext der aktuellen Bedrohung jener setzen. Denn die Amphibien gelten derzeit als die weltweit am stärksten gefährdete Wirbeltiergruppe: Rund 40 % der heutigen Frosch- (Anura), Salamander- (Urodela) und Blindwühlenarten (Gymnophiona; in Deutschland nicht heimisch) sind bereits vom Aussterben bedroht. Diese Entwicklung lässt sich auch in Deutschland beobachten, da von den 21 heimischen Arten nur sechs als noch ungefährdet eingeordnet werden können (Stand 2020 – dieser dürfte jedoch schon als überholt gelten…). Wie bereits im ersten Eintrag dieser Reihe beschrieben, sind unsere Amphibienarten genau jetzt auf unsere Hilfe angewiesen, beginnend mit dem Verstehen dieser Tiere und ihrer Bedürfnisse. Nach diesem etwas längeren Vorwort möchten wir mit euch nun in den ersten Exkurs rund um Amphibienwanderungen eintauchen.


Vielleicht habt ihr es selbst schon einmal bemerkt: Zum Frühjahrsbeginn oder auch im Herbst tauchen plötzlich grüne kniehohe Folienzäune entlang von Straßen und Wegen auf. In einigen Fällen sorgt ein kleines Warnschild, in anderen die lokale Presse oder Vereine, wie der NABU, für Klärung. „Achtung! Krötenwanderung!“ heißt es dann vielerorts und der mysteriöse Zaun entpuppt sich schließlich als Krötenschutzanlage. Durch solche Aktionen sowie Kurzartikel und -reportagen erlangte dieser Lebensabschnitt der Amphibien innerhalb der letzten Jahre vermehrt Aufmerksamkeit. Dabei wurde die Erdkröte (Bufo bufo), als eine der häufigsten und zusätzlich wanderfreudigeren heimischen Arten, generell zum Gesicht dieser Aktionen erkoren. Warum dies der Fall ist und wieso es nun überhaupt zu diesen Wanderungen kommt, erfahrt ihr hier.


Das Wandern ist der Kröte Lust 

Auch wenn die Wanderbewegungen im Allgemeinen gern als Krötenwanderungen bezeichnet werden, lässt sich dieses Verhalten tatsächlich, mit einigen wenigen Ausnahmen, bei allen heimischen Amphibien beobachten. Nicht nur Kröte, sondern auch Molch und Frosch drängt es zu wandern, auch wenn die genauen Zeiträume der Wanderungen von Art zu Art stark abweichen können (z.B. falls ihr euch an unsere „Frühaufsteher“ erinnert).


Hingegen der Anspielung zu einem bekannten Volkslied in der Überschrift, wandern unsere Amphibien natürlich nicht aus Lust – vielmehr ist dieses Verhalten tief in ihrer Lebensweise verankert. Dafür gibt es verschiedene Gründe: ihren namensgebenden amphibischen Lebenszyklus, ihr damit verbundenes Dasein als sogenannte „Habitatkomplexnutzer“ und die Jahreszeiten innerhalb der gemäßigten Klimazone.


"Gäste" am Amphibienschutzzaun: Großes Erdkrötenweibchen (Bufo bufo) © Fabian Kruse
"Gäste" am Amphibienschutzzaun: Großes Erdkrötenweibchen (Bufo bufo) © Fabian Kruse

Wie ihr sicher bereits wisst, durchlaufen die meisten Amphibienarten eine wassergebundene Larvenphase, bevor sie schließlich vollständig ausgebildet an Land gehen können. Somit sind Amphibien nicht nur auf Gewässer (aquatische Habitate), sondern auch auf unterschiedliche Landlebensräume (terrestrische Habitate) angewiesen. Um ihren Lebenszyklus also ungestört durchleben zu können, benötigen Amphibien einen Zugang zu beiden Lebensraumtypen. Da diese, vor allem in unserer heutigen Kulturlandschaft, nicht allzu häufig dicht beieinander liegen, sind Amphibien zur Wanderung zwischen den Lebensräumen gezwungen. Alle weiteren (Zwischen-) Lebensräume, die sie während dieser Wanderungen durchqueren oder zur Orientierung nutzen, bilden zusammen mit den zuvor genannten Typen einen Lebensraumverbund – den in der Ökologie sogenannten Habitatkomplex.


Junge Rotbauchunke (Bombina bombina) in der sogenannten Unken- oder Kahnstellung © Fabian Kruse
Junge Rotbauchunke (Bombina bombina) in der sogenannten Unken- oder Kahnstellung © Fabian Kruse

Jeder zu diesem gehörige Lebensraum besitzt hierbei eine wichtige Funktion innerhalb des Wanderungs- bzw. Lebenszyklus der Amphibien und ist für diese somit unabdingbar. Zuletzt sind die Aktivitätsphasen unserer heimischen Amphibienarten als wechselwarme Tiere von der Umgebungstemperatur und jeweiligen Jahreszeit abhängig. Ihre Aktivitätsphase bezieht sich somit auf das Frühjahr, den Sommer und Herbst, wobei der Anfang und das Ende dieses Zeitraums jeweils von einer Wanderung (von und zu ihrem Winterversteck) begleitet wird.


Der Wanderungszyklus 


Schematische Darstellung des Wanderungszyklus heimischer Amphibien © Fabian Kruse
Schematische Darstellung des Wanderungszyklus heimischer Amphibien © Fabian Kruse

Im Grunde lässt sich der Wanderungszyklus der heimischen Amphibienarten in sechs Phasen einteilen. Den ersten und gleichzeitig letzten Punkt auf der jährlichen Reise der Amphibien stellt fast immer ihr Winterquartier dar. Dieses kann ein einfacher Stein- oder Totholzhaufen, eine Wurzelhöhle oder z.B. ein Mäuseloch sein, in dem unsere Amphibien die kalte Jahreszeit in Winterstarre überdauern.


Nachdem der Schnee geschmolzen ist, die Temperaturen auf ein ertragbares Maß angestiegen sind und die Amphibien ihre Mobilität wiedererlangt haben, beginnt bereits der zweite Schritt ihrer Reise: die Frühjahrswanderung. Ihr Ziel ist es, den dritten Punkt der Reise – das Laichgewässer – zu erreichen. Dort angekommen, beginnen die ausgewachsenen Amphibien mit ihrer Balz und der anschließenden Laichablage.


Adulte Kammmolche (Triturus cristatus) © Fabian Kruse
Adulte Kammmolche (Triturus cristatus) © Fabian Kruse

Sobald das Balzgeschehen abgeschlossen ist, beginnen einige Amphibienarten, darunter vorwiegend Kröten- und einige Froscharten, einen vierten Wanderungsabschnitt, der häufig als Sommerwanderung bezeichnet wird (auch wenn diese z.B. bei unseren „Frühaufstehern“ bereits im Frühjahr stattfinden kann). Diese führt die betroffenen Arten zu ihren an Land liegenden Sommerquartieren, welche Wälder bzw. Waldränder oder auch offene Landschaftsteile umfassen können. Zu den Arten, die keine Sommerwanderung unternehmen, zählen meist wassergebundenere Tiere, wie z.B. unsere heimischen Molch- und Unkenarten, welche einen Großteil des Sommers innerhalb von Aufenthaltsgewässern (meist, jedoch nicht immer, in ihren Laichgewässern) verbringen.


Egal ob eine Art nun den Sommer an Land oder in einem Gewässer verbringt, brechen alle Amphibien im Herbst zu ihrer letzten Wanderung des Jahres (die im Falle der nun landgängigen Jungtiere ebenfalls ihre erste ist) auf, welche sie in ihre Winterquartiere zurückführt. Selten können die wasseraffineren Arten jedoch auch diese Wanderung umgehen, indem sie einfach innerhalb ihrer Aufenthaltsgewässer überwintern.


Wozu nun der Krötenschutzzaun? 

Wie ihr seht, sind Wanderungen ein essentieller Abschnitt im Leben der Amphibien, ähnlich wie es der Vogelzug für viele Vogelarten ist. Anders als es bei den Vögeln der Fall ist, haben unsere Amphibienarten meist jedoch keine freie Bahn. Abgesehen von all den natürlichen Gefahren, wie z.B. Fressfeinde oder Trockenheit, stehen sie in unserer heutigen Kulturlandschaft einer Bandbreite an weiteren Bedrohungen gegenüber, die ihren Zoll fordern – allen voran Straßen und der Verkehr. Da viele unserer Amphibienarten ihren Laichgewässern (solange sie existieren) treu bleiben, wird ein Großteil ihrer angestammten Wanderrouten mittlerweile von Straßen gekreuzt. In der Ökologie spricht man dabei von der sogenannten ökologischen Zerschneidung, welche mitunter eine der größten Bedrohungen für die biologische Artenvielfalt darstellt, da sie zur Isolation und somit Verarmung der Genpools vieler ohnehin gefährdeter Arten beiträgt. Die Folgen für Tiere mit einem so stark ausgebildeten Wanderdrang könnt ihr euch sicher leicht vorstellen. Genaueres zur Thematik ökologische Zerschneidung werdet ihr in einem späteren Eintrag erfahren.


Die offensichtlichste Folge der Konfrontation mit dem Straßenverkehr ist für viele Amphibien heute der Straßentod, welcher zu den bedeutendsten Gefährdungsursachen unserer heimischen Amphibienarten zählt. Um diesen zu vermeiden, wurden verschiedene Schutzmaßnahmen entwickelt. Die bekannteste davon ist wohl der Kröten- bzw. Amphibienschutzzaun. Die vielen von euch wahrscheinlich geläufigen grünen Folienzäune werden kurz vor Wanderungsbeginn entlang bekannter Wanderrouten aufgestellt, um Amphibien am direkten Queren der Straße und den damit verbundenen Risiken zu hindern. Entlang der Zäune verteilte Eimer fangen Frosch, Kröte und Molch beim Querungsversuch auf und „sammeln“ diese. Anschließend werden die gesammelten Amphibien entsprechend ihrer Wanderrichtung von beruflichen oder ehrenamtlichen Helfenden auf die andere Straßenseite oder direkt an ihre Laichgewässer gebracht – so jedenfalls die häufigste Methode.


Junger Teichfrosch (Pelophylax esculentus) © Fabian Kruse
Junger Teichfrosch (Pelophylax esculentus) © Fabian Kruse

Auch Grün- bzw. Wildbrücken oder Krötentunnel bieten Amphibien eine sichere Möglichkeit zur Querung, jedoch werden diese aufgrund ihrer einmaligen Kostenintensität (leider) nur selten umgesetzt. Im Allgemeinen leisten alle der genannten Maßnahmen jedoch einen enormen Beitrag zum Erhalt unserer heimischen Amphibienpopulationen.


Sammeleimer an einem Amphibienschutzzaun © Tristan Kallweit
Sammeleimer an einem Amphibienschutzzaun © Tristan Kallweit

Wir hoffen, dass dieser „kleine“ Exkurs in das Thema Amphibienwanderungen euch einen ausreichenden Überblick bieten konnte und ihr hier und dort vielleicht sogar etwas neues gelernt habt, obwohl einige besonders faszinierende Aspekte, wie z.B. die Orientierung der Amphibien während der Wanderung, aufgrund der Länge des Eintrags erst einmal nicht zur Ansprache kamen.


Fabian Kruse für ArtenReich


Alle weiteren Teile dieser Reihe findet ihr hier.

1 Kommentar


Regina Droge
22. Mai

Viel gelernt! Danke schön.

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