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Der Fliegenpilz

1. Okt.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Verhängnisvolle Vorurteile, Teil 2


Kaum ein nichttierisches Lebewesen unserer Wälder ist so bekannt und wird doch zugleich so grundsätzlich missverstanden wie der Fliegenpilz. Ein Hauptgrund dafür ist zweifellos dieses Paradoxon: Jedes Kind kennt den Fliegenpilz und doch beschränkt sich diese „Kenntnis“ auf die unreflektiert forttradierte Meinung, der Verzehr dieser Pilzart müsse unweigerlich schlimme Folgen, wenn nicht sogar den Tod herbeiführen [1].


Seit einem halben Jahrhundert versuchen Forscher:innen, diese Mär zu widerlegen oder doch wenigsten zu relativieren. Ein Blick über den Tellerrand der eigenen Kultur hinaus ist beim Umgang mit der Natur, mit Tier, Pflanze und Pilz, immer lehrreich. Von anderen Erdteilen lernte Europa seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert, auf welche Art der Fliegenpilz andernorts Wertschätzung erfährt und verwendet wird [2].


Fliegenpilz als leuchtende Fackel im mitteleuropäischen Herbstwald: "Wie ein ulkiges Tempelchen der Waldheinzelmännchen steht krapprot und weiß der dicke Fliegenpilz im Lichtschein da" [3] © Tristan Kallweit
Fliegenpilz als leuchtende Fackel im mitteleuropäischen Herbstwald: "Wie ein ulkiges Tempelchen der Waldheinzelmännchen steht krapprot und weiß der dicke Fliegenpilz im Lichtschein da" [3] © Tristan Kallweit

„Hört der Laie etwas von Giftpilzen, so denkt er zunächst einmal an den Fliegenpilz!“ [4]

Fliegenpilze im Alltag anderer Gesellschaften

Die Ethnobotanik, die Wissenschaft von den Beziehungen zwischen Menschen und Pflanzen, teilt die Erde in Bereiche ein, in denen bestimmte Pflanzen das kulturell akzeptierte Rauschmittel darstellen [5]. So ist im Andenraum Südamerikas der Coca-Strauch das traditionelle (natürliche) Stimulanz (analog zu unserem Kaffee). Für Südasien dagegen ist der Anblick von Betel kauenden Menschen nichts Ungewöhnliches. Analog zur Ethnobotanik entstand in den späten 1950er Jahren die Ethnomykologie, also die Wissenschaft von den Beziehungen zwischen Menschen und Pilzen [6].


Das klassische Gebiet des Fliegenpilzkonsums ist Sibirien (Nordasien) [7]. In vielen sibirischen Sprachen sind die Wörter „Rausch“ und „Pilz“ (genauer: Fliegenpilz) nahezu äquivalent, sodass „betrunken“ eigentlich mit „bepilzt“ übersetzt werden müsste [8]. Vor allem die als Schamanen bezeichneten Heiler:innen Sibiriens verwendeten Fliegenpilze in Zeremonien [9]. Darüber hinaus war der Fliegenpilz aber auch einfaches Rauschmittel, dessen Gebrauch erst durch die Einfuhr von alkoholischen Getränken allmählich abnahm [10].


Fliegenpilz-Paar am Wegesrand im Forst © Tristan Kallweit
Fliegenpilz-Paar am Wegesrand im Forst © Tristan Kallweit


Vorurteile in der Pilzwissenschaft

Seit beinahe 100 Jahren wird gelegentlich auf die Voreingenommenheit hingewiesen, mit der Pilzkundler:innen hierzulande dem Fliegenpilz gegenübertreten [11]. Auf seinen Pilzgängen hatte Max Seidel „oftmals den teilnehmenden Ärzten Kostproben vom Fliegenpilz angeboten. Auch nicht einer besaß den Forschermut, nur ein kleines, walnußgroßes Stück zu verzehren.“ Seidel war fest überzeugt, dass diese Personen „infolge überlieferter literarischer Suggestion nach dem Genuß auch nur eines kleinen Stückes ihr Angstgefühl einen heftigen Brechreiz bewirkt hätte, und damit wäre dann die Giftwirkung des Fliegenpilzes bestätigt worden“ [12].


Umfragen und Selbstversuche [13] ergaben, dass viele Menschen bei uns den Fliegenpilz für mindestens gefährlich, meistens sogar sehr giftig bis tödlich hielten, „ja daß man sogar durch Abschlecken der Finger, die einen Fliegenpilz gehalten haben, sterben kann. Welch auffallender Konstrat zum Glückspilz! ... Nachweislich gibt es [aber] keine Todesfälle bei Menschen, die gesund waren und ausschließlich Fliegenpilze gegessen hatten.“ Trotz dessen wurde noch bis vor Kurzem in vielen Pilzbüchern immer wieder von Todesfällen durch Fliegenpilzvergiftungen geschrieben [14].


Für angebliche Todesfälle wurde in den Fachzeitschriften oftmals völlig kontextlos und unspezifisch der Fliegenpilz als schuldig hingestellt [15]. Dadurch zeigt sich, dass die Naturwissenschaften (Toxikologie, Pharmakologie, aber auch Zoologie und dergleichen) keineswegs frei sind von kulturellen Einflüssen. Unsere Vorstellungen von der Natur und unsere Einstellung gegenüber Tieren, Pflanzen und Pilzen sind nicht überall auf der Welt dieselben.



Kunstwerk der Natur: Fliegenpilzhut aus der Vogelperspektive © Tristan Kallweit
Kunstwerk der Natur: Fliegenpilzhut aus der Vogelperspektive © Tristan Kallweit

Plädoyer für differenziertes Denken

In neuerer Zeit haben sich Kulturwissenschaftler:innen in mehreren Veröffentlichungen für das Überwinden der Vorurteile dem Fliegenpilz gegenüber stark gemacht. Eine umfangreiche Zusammenführung der ethnografischen Quellen deutscher, englischer und russischer Sprache sollte der Öffnung zu alternativen Beziehungen zwischen Mensch und Fliegenpilz dienen [16]. Vorsichtige Selbstexperimente [17], ritueller Konsum [18] und historische Quellenarbeit [19] bestätigten die Haltlosigkeit der tradierten Vorurteile.


In weitere Gesellschaftskreise hat es die Rollenvielfalt des Fliegenpilzes bisher kaum geschafft. Obwohl Günter Grass durch seine Romane ein weites Publikum erreichte, scheinen seine ausführlichen Kommentare in „Der Butt“ zu Zubereitung und Verzehr des Fliegenpilzes eher unbemerkt geblieben zu sein [20].


Insofern muss die neue ARTE-Dokumentation, produziert von Thomas Grube und seinem Team, geradezu bahnbrechend genannt werden, weil nun durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein differenziertes Bild vom Fliegenpilz in die Haushalte Deutschlands getragen wird [21]. Mit rotem Faden und gelungener Balance schafft es der Fliegenpilzfilm, von Märchen und neo-schamanistischen („esoterischen“) Heilritualen bis hin zur mykologisch-pharmakologischen Erforschung und der Rechtslage (gerade auch im Hinblick auf sog. Mikrodosierungen) den Zuschauenden möglichst viel Relevantes rund um den Fliegenpilz in nur 53 Minuten darzubieten.


Der Fliegenpilz veranschaulicht, wie sehr anerzogene und ererbte Vorurteile unsere Einstellung zu Pflanzen, Tieren und Pilzen negativ werden lassen können. Die geistige Auseinandersetzung mit dem Thema Fliegenpilz genügt, um sich unserer vorurteilsbelasteten Perspektiven auf Lebewesen bewusst zu werden.


Tristan Kallweit für ArtenReich

Quellen


[1] Kevin Feeney und Tristan Kallweit (2026): Amanitaphobia and the myth of suicide by fly agaric (Amanita muscaria) mushroom ingestion. Journal of Psychedelic Studies. DOI: 10.1556/2054.2026.00554.

[2] Tristan Kallweit (2021): Zur Toxizität des Fliegenpilzes (Amanita muscaria). Zeitschrift für Mykologie 87(2): 331-361.

[3] Egon von Kapherr (1941): Wo es trommelt und röhrt. Berlin: Safari-Verlag, S. 70.

[4] Hans Georg Herde (1965): Pilze einmal anders. Berlin: VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag, S. 17.

[5] Vgl. Richard Evans Schultes, Albert Hofmann und Christian Rätsch (1992): Plants of the Gods. Rochester: Healing Arts Press.

[6] Valentina P. Wasson und R. Gordon Wasson (1957): Mushrooms: Russia and History. New York: Pantheon Books; Andy Letcher (2006): Shroom. A Cultural History of the Magic Mushroom. London: faber and faber.

[7] R. Gordon Wasson (1968): Soma. Divine Mushroom of Immortality. New York: Harcourt Brace Jovanovich; Maret Saar (1991): Ethnomycological Data from Siberia and North-East Asia on the Effect of Amanita muscaria. Journal of Ethnopharmacology 31: 157-173; Christian Rätsch (2015): Die Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau: AT Verlag, S. 631-639; Kallweit (2021): Toxizität des Fliegenpilzes.

[8] Bernhard Munkácsi (1907): "Pilz" und "Rausch". Keleti Szemle 8: 343-344.

[9] Åke Ohlmarks (1939): Studien zum Problem des Schamanismus. Lund: C. W. K. Gleerup, S. 101-106; Andrew Znamenski (2007): The Beauty of the Primitive. Oxford/New York: Oxford University Press, S. 92.

[10] Yuri Slezkine (1994): Arctic Mirrors. Russia and the Small Peoples of the North. Ithaca/London: Cornell University Press, S. 219; Kallweit (2021): Toxizität des Fliegenpilzes.

[11] Feeney und Kallweit (2026): Amanitaphobia.

[12] Max Seidel (1937): Idiosynkrasie und Autosuggestion in der Pilzkunde. Zeitschrift für Pilzkunde 16: 120-123, S. 121-122.

[13] Uwe Passauer (1997): Der Fliegenpilz. Mittel zum Töten der Fliegen oder Medium zum Fliegen? Carinthia II 187/107: 253-265; Kallweit (2021): Toxizität des Fliegenpilzes.

[14] Passauer (1997): Der Fliegenpilz, S. 260-261.

[15] Feeney und Kallweit (2026): Amanitaphobia. Fadenscheinige Argumentationen bezüglich Vergiftungen mit Fliegenpilzen kritisieren insbesondere Jonathan Ott (1976): Psycho-Mycological Studies Of Amanita – From Ancient Sacrament To Modern Phobia. Journal of Psychoactive Drugs 8(1): 27-35; Jonathan Ott (1996): Pharmacotheon, S. 336-337, 352-353.

[16] Kallweit (2021): Toxizität des Fliegenpilzes.

[17] Kallweit (2021): Toxizität des Fliegenpilzes. Zur Wissenschaftlichkeit von Selbstexperimenten, vgl. Mike Jay (2023): Psychonauts. Drugs and the Making of the Modern Mind. New Haven/London: Yale University Press, S. 2-6, 12, 52, 249.

[18] Kevin Feeney und Tristan Kallweit (2025): From "poison" to sacrament: Spiritual and therapeutic use of Amanita muscaria in the 21st century. In: Michael Winkelman (Hg.), Handbook of entheogenic healing, 441-470. Boston: Brill.

[19] Feeney und Kallweit (2026): Amanitaphobia.

[20] Günter Grass (1999): Der Butt. 4. Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 128-129, 133, 357, 449, 457, 455, 473, 477, 490-493, 498-499, 647.

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